Scoglitti, Capo Passero, Lampedusa. Über 600 Bootsflüchtlinge aus Afrika sind in den letzten Märztagen an diesen Stränden im äußersten Süden Italiens angekommen, die meisten von ihnen Somalier und Eritreer. Das reiche Europa wird von der Krise geschüttelt, doch die Armen kann sie nicht schrecken. Europa bleibt das Paradies für sie. Sie fürchten weder die Schlepper noch die lebensgefährliche Überfahrt. Wenn sie in Italien landen, werden sie provisorisch in die nächste Turnhalle gebracht wie die Flüchtlinge von Scoglitti. Oder ins überquellende Notaufnahmelager von Lampedusa. Von diesen weggesperrten Überlebenden hört man nur wieder, wenn es wegen der unmenschlichen Enge zu Lagerrevolten kommt.

Viele aber schaffen es nicht bis ans rettende Land. Längst ist das Meer vor Sizilien ein Massengrab für Migranten. Während die 600 von Scoglitti, Capo Passero und Lampedusa nach tagelanger Überfahrt ihr Leben retten konnten, versanken am Montag zwei voll besetzte Flüchtlingsschiffe vor der Küste Libyens. An Bord waren vermutlich über 300 Menschen. Eine ungeheure Zahl von Opfern, die Italien aufrüttelte – üblicherweise werden die Nachrichten über ertrunkene Flüchtlinge hier wie anderswo in Europa registriert wie Meldungen über Naturkatastrophen.

"Wer in unser Land kommt, soll aufgenommen und begleitet werden", sagte Monsignor Mariano Crociata, Sekretär der italienischen Bischofskonferenz. Angesichts der neuerlichen Flüchtlingskatastrophe empfinde die Kirche "tiefstes Mitleid". Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord schlug ganz andere Töne an. Die Überfahrten von Libyen nach Italien würden pünktlich am 15. Mai aufhören, versprach Maroni. "Dann tritt unser Abkommen mit Libyen in Kraft, und unsere Küstenwachen gehen gemeinsam auf Patrouille."

Jahrelang hatte Rom vergebens versucht, den libyschen Staatschef Muammar al-Gadhafi zu gemeinsamen Maßnahmen gegen den Menschenschmuggel übers Mittelmeer zu bewegen. Vergeblich: Außer vagen Versprechungen ließ Gadhafi sich nichts entlocken. Mit dem Flüchtlingspfand in der Hand pochte er seinerseits auf massive Entschädigungszahlungen für die über 40 Jahre währende italienische Kolonialherrschaft in Libyen. Als "Heuchelei" bezeichnete der Revolutionsführer die erste Wiedergutmachungszahlung von 1956 über damals 4,5 Milliarden Lire.

Alles, was Gadhafi den Verhandlungspartnern zugestand, war die Umbenennung des Gedenktages am 7. Oktober vom "Tag der Rache" in den "Tag der Freundschaft" – an diesem Datum waren 1970 die in Libyen ansässigen Italiener enteignet worden.

Doch im August 2008 gelang Silvio Berlusconi, woran seine Vorgänger gescheitert waren. Bei seinem Besuch in Libyen entschuldigte er sich für das Unrecht der Kolonialzeit. Er und Gadhafi unterzeichneten dann einen "Freundschaftsvertrag", in dem sich Italien zu Zahlungen in Höhe von fünf Milliarden Dollar verpflichtet. Mit dem Geld soll unter anderem eine 1600 Kilometer lange Autobahn von der ägyptischen bis zur tunesischen Grenze gebaut werden.

Im Gegenzug vereinbarten beide Länder Gas- und Mineralöl-Lieferungen an Italien, vor allem aber eine militärische Zusammenarbeit zur gemeinsamen Bekämpfung illegaler Einwanderung. Das Abkommen gilt bereits. Es trat am 2. März in Kraft, ziemlich genau vier Wochen vor dem Flüchtlingsunglück in den Fluten libyscher Gewässer. Offenbar fühlten sich die libyschen Behörden vor dem offiziellen Start der gemeinsamen Küstenpatrouillen nicht zum Eingreifen verpflichtet.