Am Anfang ist nur eine Linie. Schwarz schlängelt sie über einen weißen Raum, züngelt sich auf die nächste leere Seite, fächert sich auf zu einem Schiff, das ein Kind hinter sich herzieht, einem Haus zu, in dem sich riesige Gestalten drängen. Das Kind fällt in Schlaf. Die schwarzen Striche werden zu einem Strom von Haar, in dem sich Farben verfangen, Blau und Grün, ein wenig Rot und Gelb, auf diesen Farben segeln Schiffe, es taumeln große Häuser, die Segel auf ihren Dächern gehisst haben, durch diese aufgewühlten Farben, es fliegen Vielmaster hart am Wind über die Meereswogen, alles strudelt einem Abenteuer entgegen, das im Jahre 1719 zum ersten Mal erzählt worden ist: Das Leben und die seltsamen Abenteuer des Robinson Crusoe. Es ist in den letzten 300 Jahren in unzähligen Versionen erzählt worden, aber noch nie so. Ohne Worte. Nur mit Farben. In Wirbeln von Bildern, wild und tollkühn, aufwühlend, ja anrührend, so wie es der kubanische Künstler Ajubel getan hat, der letzte Woche für dieses Werk mit dem Bologna-Award für Fiktion ausgezeichnet wurde, den man als den Nobelpreis des Kinder- und Jugendbuches bezeichnen könnte.

Es ist der begehrteste Preis der Welt für das schönste Kinderbuch der Welt, und er wird jedes Jahr auf der Fiera al Libro per Ragazzi vergeben, der internationalen Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna. Wo sonst? Wo verdichtet sich künstlerische Schönheit mit Pädagogik so wie in diesem Dreieck zwischen Milano – Firenze – Venetia, an der Bahnlinie nach Reggio Emilia, wo jene Kinderkultur geboren wurde, die in jedem Menschen den Künstler erkennt? In Bolognas Zentrum, wo die zu Künstlern herangewachsenen Kinder die herrlichsten Paläste dicht an dicht platzierten, kann man heute im mittelalterlichen Sala Borsa eine der größten Kinderbibliotheken Europas finden sowie im Atrium unter den korinthischen Säulen eine Ausstellung zu Metaphern der Kindheit. Susanne Janssens Rotkäppchenaugen beäugen furchtsam die Gorillas von Anthony Browne, die sich in den geleckten Interieurs der britischen Kleinbürger schützend neben die Kinder stellen. Die Stadt ist gespickt mit Veranstaltungen dieser Art, bis zu den Messehallen, wo die Gäste gleich mit zwei Ausstellungen empfangen werden, das Gastland Korea zeigt seine filigrane Buchkultur, und vis-à-vis hängt die Jahresschau der Illustratoren. Schon der Katalog ist ein begehrtes Kultobjekt.

Kuratoren haben aus den 2714 Bewerbungen aus 61 Ländern 81 Künstler herausgesiebt. Die besten Arbeiten spielen mit der Textur des Papiers, in Andeutungen, mit Reduktionen von Gestalt und Farbe. Man schaut, und schon verschieben sich Voreinstellungen, Kontinente, Machtansprüche. Sieben Künstler aus Deutschland, tatsächlich zwei aus Frankreich. Amerika? Tja. Aber Japan ist 15-mal vertreten, allein 12 Künstler kommen aus dem Iran, die junge Rashin Kheirieh findet sogar in der Kategorie Neue Horizonte eine lobende Erwähnung. In kühnen Abstraktionen hat sie alte Kinderreime in Szene gesetzt, sie schaffe ein innovatives Universum, so die Begründung der Jury.

Rashin Kherrieh ist 29 Jahre alt und trägt zu silbrigen Eyeshadow eine Gucci-Brille ins Kopftuch hochgeschoben, atemlos taucht sie aus dem Gedränge auf. Ach, sie wurde gesucht? Ein Griff, und das Laptop ist aufgeklappt. Wir beugen uns über die Animation ihres letzten Kinderbuches, ein Schneiderlein zuckelt durch die Souks der Heimat. Dort ist sie ein Star. Das Buch wird in Iran 24000-fach in den Bibliotheken verteilt, vom Staat.

Um uns herum bilden sich lange Schlangen von jungen Leuten vor den Ständen der Verlage, sie warten mit ihren Bildmappen darauf, auch einmal ihre Kunstwerke aufblättern zu dürfen. Es sei die Hölle gewesen, erzählt Alba Marina Rivera, letztes Jahr in Bologna. Niemand habe ihr Buch auch nur ansehen wollen. Das Werk, dem sie alle Gedanken, ihre Gefühle, das Leben gewidmet hatte! Das Buch eine Diplomarbeit, zum Abschluss der Kunstakademie in Barcelona. Plötzlich aber steht da diese Frau, Rosana Faria, die Preisträgerin des Jahres 2007 in der Kategorie Innovation, ihr Schwarzes Buch der Farben war eine Sensation. Rosana habe einen Blick auf das Buchobjekt von Alba geworfen, die in den floralen Mustern des 19. Jahrhunderts eine Erzählung von Saki illustriert, welche in einem Zug spielt, in dem Kinder herumtoben, es ist eine Geschichte in der Geschichte, so wie dies ein Buch in der Hülle eines Zuges aus Papier ist. Dann habe Rosana sie zu Ediciones Ekaré geschleift – die das Buch verlegen, das gestern ihr den Preis für Innovation des Jahres 2009 einbrachte! Klingt wie ein Kindermärchen. Jedenfalls habe ihr Ajubel als Erster gratuliert, der große Ajubel, dessen Zeichnungen sie als Kind auf Kuba in den Zeitungen bewundert hatte und der wie sie heute in Spanien lebt!

Ajubel, wie konnten Sie alle Wörter von Robinson hinter sich lassen? "Es war eine lange Reise. Es hat drei Jahre gedauert. Wie sollte ich nur dieses Buch machen? Ich entschloss mich, zu springen und die Fragen im Flug zu lösen."