Im April 1943 wird der ungarische Erzähler, Dramatiker und Journalist Sándor Márai 43 Jahre alt. Seit gut zehn Jahren ist er der populärste Schriftsteller seines Landes, alle seine Romane werden Bestseller, und um ihn als Mitarbeiter zu halten, zahlt ihm die Zeitung Pesti Hírlap für sein sonntägliches Feuilleton den dreifachen Monatslohn eines Arbeiters. Im Haushalt glänzt seine Frau Lola, die ihn später über alle Stationen des Exils begleiten wird, als elegante Gastgeberin, standesgemäß unterstützt von Köchin und Haushälterin. Das bürgerliche Glück eines Schriftstellers, der das Bürgertum welthistorisch für berufen hielt, die Menschheit zu veredeln, scheint vollkommen; aber es mehren sich die Zeichen des Untergangs.

Vier Jahre vorher war das einzige Kind des Ehepaars bald nach der Geburt gestorben. In seinen Tagebüchern spricht Sándor Márai nur selten und meist in lapidaren Worten von diesem Sohn, kühler als von seinen geliebten Hunden, aber je länger der Tod zurückliegt, umso deutlicher wird ihm: "Mein größter Schmerz: der Tod des kleinen Kindes. (Nicht sofort; später, Jahre später.)" Im Winter dieses Jahres 1943 wirft ihn, den gewohnheitsmäßigen Vielarbeiter, eine schmerzhafte Nervenentzündung nieder, und wovon er lange Zeit wenig Kenntnis nahm, wenig Kenntnis nehmen wollte, dass sich Ungarn nämlich im Krieg befindet und noch dazu auf der Seite von Nazideutschland, das dringt mit düsteren Meldungen von der Front und quälenden Beobachtungen, die er auf den Straßen von Budapest macht, immer störender in seinen Alltag; in den Alltag eines Mannes, der bisher penibel getrachtet hatte, sein Leben ganz auf seine Arbeit auszurichten: "Ein Leben nach Stundenplan. Die Unterordnung des Gemeinschaftslebens, des Essens, ja des Geschlechtslebens unter das Schreiben."

Jetzt, da ihm der tote Sohn in den Sinn kommt, sein eigener Körper sich als anfällig erweist, rundum die Sekurität des großbürgerlichen Lebens brüchig wird und der Krieg, in fremde Länder getragen, in das eigene zurückkehrt, geht in Márai eine erstaunliche Veränderung vor. Es ist eine Veränderung, die seine ganze Existenz erfasst und eine bedeutende literarhistorische Wirkung zeitigt. Der Erfolgsautor, der mit stupender Schnelligkeit Buch um Buch, Artikel um Artikel publizierte, verliert nämlich die Freude an dieser Art von schriftstellerischer Existenz. Ein fundamentaler Zweifel fasst ihn an, für den er zunächst einen simplen Namen findet: Alter.

Die Krise seines Lebens: Er verliert den Glauben an seine Arbeit

Aber es ist mehr als die Wahrnehmung, dass die Jugend dahin ist. Auf der Höhe seines Ruhmes gerät der erfolgreiche Autor vielmehr in "die erste große Krise meines Lebens, die Krise des verlorenen Glaubens, des Glaubens an meine Arbeit". Das hat weniger damit zu tun, dass er das Zutrauen in seine schöpferischen Kräfte verloren hätte, als mit dem Zerfall jener Schicht, auf die er als Autor zeitlebens bezogen war, auf das ungarische, das mitteleuropäische Bürgertum. Bisher hatte man annehmen können, Sándor Márai wäre aus der Bahn geworfen worden, weil die kommunistische Staatsmacht das Bürgertum nach 1945 seiner nationalen Bedeutung beraubte. Jetzt kann man erkennen, dass er schon Jahre vorher entsetzt gesehen hat, wie sich jene Schicht, deren kulturstiftende Kraft er stets gerühmt hatte, vor seinen Augen zersetzte: wie sie sich gemein machte mit den Antisemiten um den autoritären Reichsverweser Horthy, wie sie sich schließlich der deutschen Besatzungsmacht ergab und endlich abdankte, um die Nation den "Pfeilkreuzlern", den rabiaten Schlächtern, die 1944 die Macht im Staate übernahmen und Jagd auf die Juden machten, zu überlassen. "Ich habe das ungarische Bürgertum, die Klasse, in die ich hineingeboren wurde, gesehen, kennengelernt, in all seinen Aspekten bis zu den Wurzeln untersucht; und nun bin ich Zeuge seines völligen Zerfalls."

Der fundamentale Zweifel am eigenen Werk und die sich langsam öffnende Einsicht in den Zerfall des Bürgertums, das nicht erst von außen zerschlagen werden musste, sondern an innerer Schwäche, an Opportunismus, Klassendünkel, Niedertracht zugrunde geht, gehören zusammen. In dieser krisenhaften Situation beginnt Sándor Márai sein Tagebuch zu schreiben. Er wird damit 46 Jahre lang nicht mehr aufhören, bis zu jenem 15. Januar 1989, an dem er die letzte Eintragung macht: "Ich erwarte die Abberufung, ich dränge nicht, aber ich zögere auch nicht. Es ist soweit." Einen Monat später hat er sich, krank, verwitwet, außer in seinen Tagebüchern als Schriftsteller verstummt, in San Diego erschossen.

Dass er mit dem Tagebuch eine literarische Form gefunden hatte, die seinen Talenten und Ambitionen völlig gemäß war, mochte Márai, als er sich 1943 daranmachte, selbst noch gar nicht ermessen können. Heute aber, da nach der immerhin siebenbändigen, gleichwohl unvollständigen Ausgabe seiner Tagebücher im Oberbaum Verlag der Piper Verlag damit begonnen hat, diese Journale in editorisch mustergültiger und vollständiger Form zu präsentieren, erweist sich zweifelsfrei: Sándor Márais Beitrag zur Weltliteratur sind nicht seine Romane, die in den letzten Jahren so enorme Verkaufserfolge bilanzierten, sind nicht diese perfekt gebauten, immer auch ein wenig allzu gut gedrechselten Romane, in denen vornehm der Staub aus den kakanischen Kulissen rieselt – Márais bedeutendstes Werk ist vielmehr sein monumentales Tagebuch. Von Anfang an hat er es nicht als Ort der privaten Selbstaussprache betrachtet und das diaristische Schreiben auch nicht als jene pietistische Gewissensbefragung betrieben, die für die Ausbildung des europäischen Tagebuchs als literarischer Gattung so wichtig war. Es ist auch kein Arbeitsjournal, das er führt und in dem er die Einfälle festhielte, die ihm später womöglich für seine Romane nützlich werden könnten. Und noch etwas ist sein Tagebuch nicht: eine zuverlässige politische Chronik, denn er verzichtet fast gänzlich auf Datierungen, sodass man nur indirekt erschließen kann, wann er welche Betrachtung, Erinnerung, Reflexion festgehalten hat. Was ist das Tagebuch für Márai dann? An einer unauffälligen Stelle seiner Aufzeichnungen verbirgt er einen poetologischen Selbstkommentar: "Das, was ich schreibe, erschafft mich, nicht umgekehrt." Er schreibt also nicht, um der Welt Kenntnis von dem zu geben, worüber er Klarheit gewonnen hat, sondern um sich in der täglichen Arbeit des Schreibens selbst zu erschaffen, um diaristisch jenes Ich zu entwerfen, das er sein möchte und als das er sich, der Bürger, dem seine Welt abhandenkam, behaupten will.