Die Frage: Tim und Lisa sind seit neun Monaten zusammen und führen eine sehr enge Beziehung. Sie treffen sich oft und telefonieren ständig miteinander. Sie scheinen überhaupt nicht voneinander ablassen zu können und zeigen ihre Verliebtheit auch, wenn andere dabei sind. Vor allem fällt aber auf: Wenn sie miteinander reden, verfallen sie in eine Babysprache. Sie sprechen in einer fiepsigen, kleinkindartigen Stimmlage. Außerdem hängen sie ihren Wörtern Verniedlichungen wie "chen" und "lein" an, wo es nur geht. Lisa hat sich bei ihren vorherigen Partnern nie so verhalten. Erst Tim hat diese Konversationsform mit in die Beziehung gebracht. Der Freundeskreis von Lisa ist von dem ständigen Verliebtheitsgetue entsetzlich genervt. Ihre Freunde fragen sich: In was ist Lisa da hineingeraten?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Angesichts einer Verliebtheitsdemonstration besteht keinerlei paartherapeutischer Interventionsbedarf. Dass Verliebte eine gemeinsame Sprache entwickeln, fördert ihre Nähe. Sie signalisieren sich, dass sie füreinander etwas Besonderes sind, sie grenzen sich so von ihrer Umwelt ab. Insofern hat das Schatzilein-Ritual seinen Zweck erreicht, wenn sich störende Dritte mit Grausen abwenden. Die Irritation der Freunde von Lisa ist vieldeutig: Da kann Neid im Spiel sein oder auch ein ungutes Gefühl, weil übertriebene Liebesbezeugungen vielleicht Abgründe verbergen. Solange Lisa überzeugt ist, ihr Glück gefunden zu haben, ist Toleranz angebracht; allerdings hat sie Grenzen. Wir wollen manchmal einfach unsere Ruhe haben, da stören heftige Glücksäußerungen genauso wie Schmerzgeschrei.

Wolfgang Schmidbauer, 67, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Sein Buch zu dieser Kolumne ist soeben erschienen: "Lässt sich Sex verhandeln?", Gütersloher Verlagshaus 2009

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Welchen Problemen Wolfgang Schmidbauer in seiner täglichen Praxis begegnet, erzählt er im Interview mit ZEIT ONLINE.