Damals, fast genau vor einem Jahr, bei der Recherche auf den Spuren einer mutmaßlichen Phantommörderin im Süden Deutschlands ( ZEIT Nr. 18/2008 ), spürte ich bei jedem der Gespräche mit Soko-Leitern, Polizeihauptkommissaren und Staatsanwälten Verzweiflung, mindestens aber eine ungeahnte Ratlosigkeit heraus. Die halbe Republik suchte seit 15 Jahren eine Unbekannte: Beinahe monatlich gab es neue, widersprüchliche Spuren.

Mehr als einmal war zu hören, dass man bei diesem Fall nicht mit dem gesunden Menschenverstand eines Ermittlers vorgehen könne, dass der Fall immer verrückter werde. Entweder sei sie, die Frau, weltfremd, hieß es, abgeschnitten von Zeitung und Rundfunk. Oder sie lebe in den Tag hinein, ohne mitzubekommen, dass ganze Abteilungen in den Landeskriminalämtern vom Saarland über Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg bis nach Oberösterreich nach ihr suchten. Wer immer sie war, für Ermittler in Heilbronn, Freiburg und Frankenthal war klar: Die Frau war kein Phantom. Man nannte sie kurz UWP, unbekannte weibliche Person. Sie war einzigartig in der Kriminalgeschichte.

Seit 1993 beschäftigte UWP europaweit deutlich mehr als 100 Polizisten, Ermittler und Kriminaltechniker. Sechs Sonderkommissionen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und in Österreich waren ausschließlich, vier Bundesländer, vier Staatsanwaltschaften und mindestens vier Polizeidirektionen in vorderster Dringlichkeit mit ihrer Spur befasst. Sie ermittelten im Milieu der Drückerkolonnen, im Milieu osteuropäischer Prostituierter, im Drogenmilieu, im Schaustellergewerbe, auf Gebrauchtwagenmärkten, "speichelten" Hunderte obdachlose Frauen.

Die Tatserie ergab nicht den geringsten Sinn: Gartenhauseinbrüche, Motorraddiebstähle, Büroeinbrüche, Kfz-Aufbrüche, Mord. Das Einzige, was alle Fälle verband, war ein Stück Erbsubstanz – das Identifizierungsmuster einer Frau ohne Identität. Bis heute ist die DNA-Spur in einem Radius von 400 Kilometern an über 40 Tatorten in der Bundesrepublik, Österreich und Frankreich aufgetaucht: in Speichel, Schweiß, Blut, Hautzellen, auf angebissenen Keksen, Dosen, an Haustüren, Steinen, Autoradios, Spritzen. Aber wie kam sie dahin?

Da saß ich also mit dem jungen, über das ganze Geschehen verblüfften Leiter der Soko Heilbronn in dessen Büro, und er versicherte: So oft, wie man über die Akte UWP gegangen sei – das habe es noch nie gegeben.

Im Laufe der Recherche wurde die Unbekannte zum mordenden Monster

Irgendwann im Laufe der Recherche verselbstständigte sich das Bild, ätzte sich die anfangs zart hingetupfte Bleistiftskizze zu einer Radierung ein. Die unbekannte Frau gewann eine fraglos plausible Realität. Je mehr Fakten man aufspürte, desto klarer wurde, dass diese Frau existierte. Sie wuchs zu etwas mysteriös Monströsem heran: zu einer cleveren Mörderin, die das gesamte Establishment, die Polizei-Intelligenz, die Kriminaltechnik und ihre hochsensible Analysetechnik narrt, zu einer Anarchistin, der es scheinbar egal ist, ob man sie findet, so dilettantisch und fahrlässig, wie sie ihre Spuren hinterlässt. Als Rechercheur tauchte man ein in die Flut der Details, schwamm sich frei aus Gestrüpp, setzte hier zusammen, schloss da aus und ließ sich die ungetrübten Ergebnisse dadurch bestätigen, dass Kommissare gern den Satz "Ich sage dazu nichts" sagen.

Wer wie die Ermittler zu nachweis- und nachprüfbarer Wahrheit verpflichtet ist, bewegt sich im Zwangskorsett empirischer Erkenntnis. Ihre Instrumente sind geeicht auf ableitbare Schlussfolgerungen. Ihre Resultate sind "Wissen" – eine Textur intersubjektiv nachvollziehbarer Tatbestände, die jeder Überprüfung standhalten. Irgendwann also "weiß" man, dass es UWP gibt, weil die Spuren keinen anderen Schluss zulassen. Es ist in solchen Momenten schlicht unvorstellbar, dass die gesuchte Person nicht existiert, weil der empirische Existenzbeweis aus dem Analysecomputer kommt: der Code der DNA.