Der Wadenkrampf hat schon manch tragisches Ereignis ausgelöst. Im vergangenen August etwa verlor im schweizerischen Kreuzlingen eine 38-jährige Frau aufgrund unwillkürlicher Kontraktionen ihrer Wadenmuskeln die Kontrolle über ihr Fahrzeug und krachte in das Auto vor ihr. Im britischen Birkenhead setzte ein ehemaliger Pilot, 82, seinen Honda Jazz mit Wadenkrämpfen gegen eine Mauer – und starb unter den herabprasselnden Betonblöcken. Und Torjäger Michael Ballack konnte bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 erst im zweiten Spiel eingesetzt werden. Diagnose: "Crampi".

36 Prozent aller Erwachsenen spüren einmal im Jahr den heftig einschießenden Schmerz im Unterschenkel. Frauen leiden häufiger unter dem Phänomen als Männer, alte Menschen häufiger als junge und Leistungssportler mehr als Müßiggänger; am schlimmsten trifft es die Schwangeren. "Es ist zwar ein weitverbreitetes Alltagssymptom", sagt der Neurologe Gerhard Reichel, "aber die Wissenschaft interessiert sich kaum dafür." Lieber widme sich die akademische deutsche Medizin Hirntumoren, der Multiplen Sklerose oder der gut bezahlten Behandlung von Schlaganfällen. Kopfschmerzen, simple Rückenschmerzen oder eben Krämpfe stießen hingegen auf wenig Interesse.

Für diese Lücke fühlt sich der Chefarzt vom Kompetenzzentrum für Bewegungsstörungen an der Paracelsusklinik in Zwickau verantwortlich. Er bekommt viele Patienten überwiesen, die unter Waden- und anderen Krämpfen leiden, und muss dann herausfinden, ob sich hinter den Beschwerden vielleicht eine schlimme Krankheit verbirgt. Meistens ist der Wadenkrampf eine ungefährliche Malaise, und nur selten endet er in spektakulären Unfällen.

Am Anfang steht jedes Mal ein mysteriöser Amoklauf der Nerven, die plötzlich in schneller Folge die Muskeln anfeuern, sich ruckartig zusammenzuziehen. Das wiederum reizt die Dehnungsrezeptoren in den Sehnen. Daraufhin lässt der Muskel kurz locker, zieht sich aber sofort wieder heftig zusammen. Die mechanische Irritation alarmiert wiederum Muskelsensoren, die größeren Schaden verhindern sollen und dem Gehirn die Überlastung mit einem scharfen Schmerzimpuls signalisieren. Nach einigen Sekunden oder Minuten geht die peinigende Attacke vorbei – in Extremfällen bleiben feine Muskelfaserrisse zurück.

Wahrscheinlich ist die Anfälligkeit für Wadenkrämpfe abhängig von dem Verhältnis von Muskelfasern, die sich langsam, und solchen, die sich schnell zusammenziehen. Im krampfanfälligen Schollenmuskel im Unterschenkel stecken besonders viele langsame Fasern. Begünstigt wird der Krampf durch Schlafmangel, Alkohol und Kaffee. Kalte Muskeln sind anfälliger als warme und überbeanspruchte Muskeln mehr als entspannte. Aus diesen Gründen ist der Wadenkrampf unter Schwimmern gefürchtet. "Beim Schwimmen", sagt Reichel, "kommen zwei Dinge zusammen: die Belastung und die Kälte." Geübten Schwimmern rät er, im Notfall unter Wasser zu greifen und den Vorfuß nach oben zu ziehen. Das streckt die Muskeln und beendet die Kontraktion. Für ungeübte Schwimmer hat der Neurologe nur einen Tipp: "schreien". Nur wenn das Wasser über 33 Grad Celsius warm ist, treten die Krämpfe nicht mehr auf. Darum seien Bewegungsbäder für Parkinson-Patienten, die leicht Wadenkrämpfe erleiden, stets körperwarm. Für einsame Badende lohne es sich, vor dem Bad eine Runde am Ufer zu joggen.

Was aber tun die Geplagten, die nächtens immer wieder von Wadenkrämpfen heimgesucht werden? Hilft Magnesium? "Eine Wirkung ist nur bei Schwangeren nachgewiesen", sagt Reichel. Ansonsten hält er nicht viel von dem viel beworbenen Therapeutikum. In den wenigen Studien zum Thema hätten die Magnesiumpräparate entweder gar keine oder eine nur sehr geringe Wirkung gehabt. "Der Mythos, dass es wirkt", sagt Reichel, "stammt aus einer Zeit, als wir noch gar nichts über das Phänomen wussten." Nachgewiesen wirksam sind nur Chininpräparate. Die aber haben diverse Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, Nierenschäden und Blutbildungsstörungen. Die beste Empfehlung sei: nicht rauchen, nicht trinken und ansonsten normal leben.

Sollten die Wadenkrämpfe aber immer häufiger auftreten, dann sind intensivere Nachforschungen notwendig. Sie können ein Symptom sein für Leberzirrhose, Nierenversagen, Schilddrüsenunterfunktion oder eine schwächelnde Nebennierenrinde. Auch Medikamente wie die verbreiteten Betablocker, die Antibabypille oder manche Herzpillen können den Krampf hervorrufen. Darüber hinaus gibt es Symptome, die mit Krämpfen verwechselt werden, die eigentlich Ausdruck von schwerwiegenden Erkrankungen sind wie die Amyotrophe Lateralsklerose oder das seltene Stiff-Man-Syndrom, bei dem die Muskeln im Anfangsstadium nur bei emotionaler, akustischer oder optischer Stimulation stark anspannen, später dann zunehmend versteifen.