Ich habe eine nette junge Frau kennengelernt. Also, es ist wirklich nur eine Bekanntschaft. Wir haben uns unterhalten. Sie schreibt auch ein bisschen. Nun öffnete ich den Briefkasten. Er enthielt ein Buch, das sie verfasst hat, und einen Brief. Von dem Buch hatte ich bereits gehört, es scheint gut zu sein. Es gab ein paar Kritiken, alle positiv. In dem Brief stand, das Buch verkaufe sich leider nicht besonders, trotz positiven Presse-Echos. Ob ich eine Kolumne darüber verfassen könne. Sie würde mich dann zum Essen einladen.

Ich habe darüber nachgedacht, was "Freundschaft" bedeutet. Ein guter Freund ist eine Person, die man um vier Uhr nachts anrufen kann, wenn man den Hausschlüssel verloren hat. Ich glaube, dass, nach dieser Definition, die meisten Leute weniger als fünf gute Freunde haben. Aber die Übergänge sind fließend. Ich glaube, wenn ich meinen Schlüssel um halb eins verliere, sind es gleich deutlich mehr Leute, die ich anrufen kann.

Wer mit einem Zahnarzt befreundet ist, setzt sich nicht ins Wartezimmer, sondern ruft privat an, wenns im Kiefer weh tut. Das halte ich nicht für verwerflich. Auf der anderen Seite sollte man natürlich ein Gefühl für die Grenzen des Zumutbaren besitzen. Wer mit einem Handwerker befreundet ist, sollte ihn nicht bitten, kostenlos die eigene 150-Quadratmeter-Wohnung zu renovieren. Um gewisse Dinge kann man auch einen Freund nicht bitten. Man muss darauf warten, dass er es anbietet. Eine Freundschaft sollte mit Rücksichtnahme einhergehen und begründet kein unbegrenztes Zugriffsrecht auf die Zeit und das Eigentum des anderen. Seltsamerweise glauben viele, dass man zu Leuten, die man mag, weniger freundlich sein müsse als zu den anderen.

Als Autor wird man oft darum gebeten, über dieses oder jenes zu schreiben, leider auch von Freunden. Das führt dann immer zu einem Knick in der Freundschaftskurve oder zum Ende. Ich mache das nicht. Das ist Betrug. Als Leser erwarte ich, dass der Autor, den ich lese, seine Themen nach anderen Kriterien aussucht als dem der Freundschaft. Meine Themen suche ich mir aus, weil ich die Hoffnung habe, etwas dazu sagen oder eine Geschichte erzählen zu können, natürlich klappt das am Ende nicht immer.

Ich wurde wütend auf diese Frau. Und wenn ich das Buch schlecht finde? Totalen Mist? Was dann? Dann soll ich wohl besser nichts schreiben, nehme ich an. Am gleichen Tag rief ein Verlag an. Ein alter Freund hat ebenfalls ein Buch geschrieben. Nun fragt mich sein Verlag in seinem Namen, ob und wann meine Besprechung erscheint. Ich habe am Telefon herumgestottert. Hinterher habe ich mich selbst gehasst, warum bin ich so feige? Die normalen Zeitungsleser wissen natürlich nicht, dass wir befreundet sind, aber fast jeder in der Branche weiß es.

Wenn ich einen Jubelgesang über sein Buch verfasse, wird mich jeder für einen korrupten Gefälligkeitsjournalisten halten. Dieser Freund mutet mir zu, dass ich mich, zu seinem Vorteil, unmöglich mache. Nein, noch schlimmer! Er hält mich wirklich für korrupt, sonst wäre es für ihn nicht selbstverständlich, dass meine Besprechung freundlich ausfällt, denn nur deshalb dringt er ja darauf, dass ich etwas schreibe.

Also habe ich mich hingesetzt und habe über das Buch, das ich eigentlich ganz okay finde, einen knallharten, fast ein bisschen unter die Gürtellinie zielenden Verriss verfasst. Diesen Text habe ich ihm geschickt, versehen mit dem Hinweis, dass ich wegen unserer Freundschaft auf eine Veröffentlichung verzichte.