Beim letzten Update mussten gewisse Mängel in der Feinjustierung eingeräumt werden. Eine Leitung leckte, und die Vergaser arbeiteten immer noch suboptimal. Auch die Kontrolle der Kraftstoffzufuhr bereitet den Mechanikern nach wie vor Sorge, es läuft einfach nicht richtig rund. "Apparently we bit off more than we could chew", heißt es ein wenig kleinlaut in dem elektronischen Bulletin: Das Team hat, was den angestrebten Verbrauch anbelangt, den Mund zu voll genommen. Leider sei das selbst gesteckte Ziel – 100 Meilen mit nur einer Gallone – dadurch wieder in weite Ferne gerückt. Aber Rückschläge gehören dazu, wenn man Großes will und die Welt einem bei der Realisierung zuschaut.

Wer auf www.lincvolt.com klickt, wird zum Voyeur in einem Zauberreich der Techno-Nerds und Automobilschrauber. Wie sie wichteln! Sie schaffen Teile herbei, sie erheben Daten. Sie machen sich am Motor zu schaffen, als handle es sich um eine Operation am offenen Herzen. Am 14. Februar war der Zylinderkopf dran, am 15. das Chassis, am 17. Februar 2009 wurde dem Monstrum auf der Hebebühne etwas implantiert, das aussieht wie eine unten liegende Nockenwelle. In wenigen Tagen sollen Emissionswerte und Batteriestatus online abrufbar sein. Damit alles transparent bleibt und nur ja keine Langeweile aufkommt, tritt hin und wieder ein struppiger älterer Herr, der einem bekannten Rockstar verdächtig ähnlich sieht, mit seinem Laptop vor die Kamera, um über jüngste Entwicklungen zu berichten. Autotuning als Reality-Show: Nichts ist unmöglich in der Rock-’n’-Roll-Garage des Neil Young.

Es wäre doch gelacht, wenn Amerika nicht wieder ein Vorbild sein könnte

Ein in jeder Hinsicht erstaunliches Projekt, das er sich im fortgeschrittenen Alter von 63 Jahren vorgenommen hat: die Umrüstung eines Zweieinhalbtonners zum schadstoffarmen Gefährt. "She bursts from the garage in a blaze of silence", singt Young in einer eigens dafür geschriebenen Hymne: Krach wird dieses Ökowunderauto nach seiner Wiedergeburt nicht mehr machen. Bislang rostete der 1959er Lincoln Continental Mk IV auf Youngs kalifornischer Farm vor sich hin, im vergangenen Jahr wurde er komplett ausgeweidet, um Platz zu schaffen für einen Hybridantrieb (Biodiesel oder Ethanol/Elektro), wiederaufladbare Lithium-Eisen-Phosphat-Batterien und andere smarte Technologien. Wenn alles nach Plan läuft, wird der "Thinking Lincoln" schon bald zu seiner Jungfernfahrt quer durchs Land nach Washington aufbrechen, eine rollende Demo. Denn natürlich ist der Techno-Zauber kein Selbstzweck. Young möchte sich selbst und der Welt beweisen, was echter amerikanischer Unternehmergeist in Zeiten der Krise zustande zu bringen vermag.

"Repowering the American dream" lautet sein stolzes Motto. "Now is the time to take back the reins of innovation", heißt es forsch weiter: Wäre doch gelacht, wenn Amerika nicht noch immer das Zeug dazu hätte, die Welt in Sachen Energie und Effizienz anzuführen. Und das mit einheimischem Kraftstoff – "the people’s fuel". Erstaunlich aber auch, wie multimedial er die Vision vorantreibt. Young auf allen Kanälen: Er filmt, er bloggt, er tritt auf Konferenzen auf. Selbst mit dem verhassten Fernsehen hat er einen zeitweiligen Pakt geschlossen. Erst kürzlich war er zu Gast in David Lettermans Late-Night-Talk, wer’s verpasst hat, kriegt die schönsten Stellen auf der Homepage nachgeliefert. Als wäre dies nicht genug, erscheint, quasi als Soundtrack zur konzertierten Aktion, eine CD namens Fork In The Road ("Weggabelung"), auf der er die Auguren des Automobilwesens für ihre historischen Versäumnisse anklagt und seinen Chefmechaniker James Goodwin in den Rang eines "Motorhead Messiah" erhebt. Die MySpace-Jugend dankt es ihm mit warmen Worten: "Neil, this is groundbreaking!" Alte Hippies agitieren eben noch immer am besten.

Tatsächlich passt Youngs Veteranenoffensive zur Aufbruchstimmung der Ära Obama. Bislang kannte man die USA als umweltpolitischen Schurkenstaat, der auf Energiegipfeln Maßnahmen zur Schadstoffminimierung eigennützig blockiert, jetzt sollen, zum Wohle des Klimas und der Wirtschaft, fünf Millionen "grüne Jobs" geschaffen werden. Als Beweis dafür, dass es nicht beim Lippenbekenntnis bleiben wird, gilt die Berufung Steven Chus zum Energieminister. Chu ist nicht nur Nobelpreisträger und als solcher unverdächtig, der Auto-, Kohle- und Atomlobby das Wort zu reden, unter seiner Leitung verwandelte sich das beschauliche Lawrence Berkeley National Laboratory in ein topschickes Öko-Research-Labor. Eine historische Innovationsleistung, die mit der Erfindung der Atombombe verglichen wurde, nur dass die Auswirkungen in diesem Fall dem Fortschritt der Menschheit dienlich sind. Noch weitere Schlüsselpositionen gingen an Spezialisten für erneuerbare Energien, darunter John Holdren, ebenfalls langjähriger Prof in Berkeley, als wissenschaftlicher Berater, und Kongresssprecherin Nancy Pelosi, die mit der Clean-Tech-Kultur des Silicon Valley groß geworden ist.

Spielt gern im Fahrtwind: Neil Young © Bradley Kanaris/ Getty Images

Dass all diese Leute westküstensozialisiert sind, ist kein Zufall. Es liege auf der Hand, dass die Zukunft des Landes "zum großen Teil von Kaliforniern gestaltet werden wird", schreibt Jeff Goodell in einem Essay für den amerikanischen Rolling Stone. Goodell, selbst Autor einer Streitschrift gegen die "schmutzige" Energie der Kohle, rechnet vor, dass der kalifornische Energieverbrauch seit 1975 in den Privathaushalten dank neuer Technologien um zwei Drittel zurückgegangen ist, und das, obwohl die heutigen Häuser um 50 Prozent größer sind. Look west, Obama!