Ein wenig gewundert haben werden sie sich schon, die Hotelgäste, die an diesem Samstagabend durch die Lobby des Vier Jahreszeiten wollten: Da kommt man nach Hamburg, quartiert sich in einem der renommiertesten Häuser der Stadt ein, fährt am frühen Abend hinunter ins Erdgeschoss, stößt diese wunderbar altmodische Fahrstuhltür auf – und die Lobby, die am Nachmittag noch ein Hort der Ruhe war, wo nur geraunt wurde und ein dicker Teppich jedes Geräusch verschluckte, diese Lobby ist plötzlich voller Menschen.

Voller fröhlicher Menschen. Sie trinken Champagner, sie stehen in Grüppchen beieinander, aufgekratzt wie Kinder vor einer Geburtstagsparty. Ein paar Männer tragen Lodenanzüge. Und ein Herr mit weißem Haar, schwarzem Anzug, schwarzer Fliege, ein Herr mit geschliffenen Manieren, er geht von einem Stehtisch zum anderen, begrüßt die Damen mit Handkuss und die Herren mit gespielter Verzweiflung: "Ich weiß gar nicht, warum ich mir das antu’! Ich sterbe jedes Mal tausend Tode vorher."

Der Herr mit der Fliege ist Rudolf Nährig. Heute ist wieder Liederabend. Heute zeigt der Herr Nährig sein anderes Gesicht.

Der Herr Nährig. Wenn das Vier Jahreszeiten das hamburgischste aller Hamburger Hotels ist, eine Institution seit über 100 Jahren, dann ist der Jahreszeiten Grill das hanseatischste aller Restaurants: eine Nobelkantine in reinem Art déco, der Ort, wo mittags Jil Sander und Jan Philipp Reemtsma speisen, die Klitschko-Brüder und Hellmuth Karasek. Und Rudolf Nährig ist der wichtigste Mann dort.

Der Herr Nährig nämlich entscheidet, wer "im Grill" an einem der Tische vorn am Fenster sitzen darf, mit Blick auf Binnenalster und Jungfernstieg. Der Herr Nährig weiß, wen er besser oben auf der Empore platziert, wo man ungestört reden kann – und trotzdem das ganze Lokal im Blick hat. Der Herr Nährig hat dafür gesorgt, dass es jeden Donnerstagmittag ein österreichisches Menü gibt im Jahreszeiten Grill, mit Tafelspitz als Hauptgericht. Denn der Herr Nährig stammt aus Wien, und er kann seine Gäste ganz unvergleichlich mit "Herr Doktor" und "Herr Professor" und "Gnädige Frau" begrüßen. Aber er tut das, ohne zu näseln und ohne Ironie. Denn zwei Maximen bestimmen sein Leben als Oberkellner: "Du musst dem Gast zeigen, dass er wichtig ist." Und: "Nie darfst du dem Gast das Gefühl geben, dass du klüger bist als er. Auch wenn’s vielleicht mal so ist."

Wenn es allerdings drauf ankommt, kann Rudolf Nährig schon zeigen, wie klug und belesen er ist. Dann parliert er über Elfriede Jelinek, über Heinrich Heine, Carl Zuckmayer oder über eines seiner Lieblingsbücher: Bohumil Hrabals Ich habe den englischen König bedient . Die Lebensgeschichte eines Kellners. Oder er erzählt von Peter Ustinov, der auch Gast war im Vier Jahreszeiten, und zwar so oft, dass man eine der schönsten Suiten nach ihm benannt hat. Rudolf Nährig sprach Peter Ustinov immer mit "Sir Peter" an, wie es sich gehört. Peter Ustinov nannte Rudolf Nährig "Exzellenz".

Einen Liederabend im Jahreszeiten Grill hat Peter Ustinov nicht mehr erlebt. Er starb 2004. Und erst im Jahr darauf hatte Rudolf Nährig die Idee, für seine Gäste zu singen. Wienerlieder natürlich. Da war der Herr Nährig schon Ende fünfzig und seit über zehn Jahren Restaurantleiter des Jahreszeiten Grill.