Der 13. Dezember 1981 ist ein doppeldeutscher Tag. Bundeskanzler Helmut Schmidt macht Visite beim DDR-Staatschef Erich Honecker. Auf Wunsch des Gastes besucht man gemeinsam Güstrow. Ernst Barlachs Stadt befindet sich in fester Hand der DDR-Sicherungsorgane. Die Delegationen schreiten vom Markt zum Dom. Einer bummelt. Hans Otto Bräutigam verpasst den Anschluss und wird unversehens als DDR-Bürger behandelt. Mit "brachialer Gewalt" drängt man ihn zurück. "Nur unter größter Mühe und mit einem barschen Befehlston gelang es mir schließlich, doch noch durchgelassen zu werden." Am selben Tag ruft General Jaruzelski in Polen das Kriegsrecht aus.

Dies ist ein aufregend ruhiges Buch über bleierne Zeiten. Bräutigam, Westfale vom Jahrgang 1931, gehörte zur Erstbesatzung der bundesdeutschen Ständigen Vertretung, die 1974 in Ost-Berlin eröffnet wurde. Die DDR hatte den Austausch offizieller Botschafter gewünscht. Die Bundesrepublik widerstand aus Gründen ihrer grundgesetzlichen Staatsdoktrin von der Einheit der deutschen Nation. De facto besaßen die ständigen Vertretungen Botschaftsrang.

Bräutigam erzählt auch die Vorgeschichte: Willy Brandts neue Ostpolitik, Egon Bahrs Verhandlungsgeschick, die Viermächteverhandlungen über den Status von Berlin, die Helsinki-Konferenz… Man weiß das alles, doch selten wurde es mit solchem Willen zur Gerechtigkeit beschrieben. Von 1982 bis 1988 leitete Bräutigam die ständige Vertretung. Ideologischer Aplomb ist ihm post festum DDR ebenso zuwider wie zu Mauerzeiten, als Bonns Politik der kleinen Schritte den großen Schritt des Herbstes 1989 vorbereiten half. Ost-West-Verträge, Häftlingsfreikauf, Milliardenkredite – all das folgte demselben Prinzip: Devisen für den SED-Staat gegen humanitäre Erleichterungen für seine Menschen.

Die Ständige Vertretung, das sagenhafte weiße Haus in der Hannoverschen Straße, war ein Magnet. Einige erwählte Ostler, Intellektuelle zumeist, wurden hierher eingeladen. Viele andere suchten Rat oder Zuflucht, um in den Westen zu gelangen. Bräutigam schildert Dramen und verschwiegene Kanäle und zeichnet seine Verhandlungspartner, von Honecker über Rechtsanwalt Wolfgang Vogel bis zu Alexander Schalck-Golodkowski. Deutlichkeit und Fairness schließen einander nicht aus. In gewisser Weise liefern Bräutigams Erinnerungen jenen zweiten Memoiren-Band, den sein Amtsvorgänger, Günter Gaus, nicht mehr schreiben konnte. Gaus’ Ehrgeiz als DDR-Erklärer und BRD-Chefkritiker liegt nicht in Bräutigams Natur. Aber natürlich kam er in ähnliche Bredouillen. Hat nicht, so der heutige Vorwurf, die faktische Anerkennung der DDR deren Existenz verlängert? Hätten Bonns Vertreter nicht eine ostdeutsche Opposition ermutigen müssen?

Antworten liefert dieses noble Buch, und Exempel für die Dialektik der Geschichte. Schön bebildert ist es außerdem. Der Protagonist scheint begabt zur Selbstironie. Eins aber weiß Bräutigam nicht: Was Erich Honecker sagte, als er 1981 Helmut Schmidt beim Abschied auf dem Güstrower Bahnhof einen Bonbon schenkte. "Na, Helmut, hier hast du den", so Honeckers Epochenwort, laut dessen Erinnerung. "Und er hat ihn mit Freuden genommen." Aber nie gelutscht. Heute ruht der Bonbon wohlerhalten in einem Glasvitrinchen der Berliner Restauration "Ständige Vertretung".