Was geschieht im Gehirn eines Pianisten, wenn er sich verspielt? Wann bemerkt er überhaupt, dass er danebengegriffen hat? Das wollten María Herrojo Ruiz und Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover wissen, und sie holten sich dazu 19 Pianisten ins Labor. Ihr erstaunliches Ergebnis, das gerade von der Zeitschrift Cerebral Cortex vorab online veröffentlicht wurde: Das Gehirn bemerkt den Fehler schon, bevor er passiert – und muss dem Geschehen hilflos zusehen, weil keine Zeit mehr zur Korrektur ist.

Virtuoses Klavierspiel ist eine sensorische und motorische Meisterleistung. Bei anspruchsvollen Stücken werden schon einmal 1000 Noten pro Minute gespielt – für jede einzelne muss der entsprechende Finger das korrekte Bewegungskommando bekommen, und das mit äußerster zeitlicher Präzision. Das geht nur, wenn ein großer Teil der Bewegungen als Muster gespeichert ist und ohne bewusste Planung abgespult werden kann.

Herrojo und Altenmüller ließen die Testpersonen, allesamt Musikstudenten oder ausgebildete Pianisten, zunächst den Part der rechten Hand aus sechs Klavierpassagen von Bach und Haydn auswendig einstudieren. Im Versuch wurde die Tastatur abgedeckt, damit sie ihre Hände nicht sehen konnten, also die aus schnellen Sechzehntel-Läufen bestehenden Stücke »blind« spielen mussten. In einer Variante des Versuchs konnten sie hören, was sie spielten, in der zweiten nicht einmal das, sie waren allein auf das Gefühl ihrer Finger angewiesen. Auch beim Tempo trieben die Versuchsleiter die Musiker an den Rand ihrer Fähigkeiten – schließlich ging es um die Untersuchung von Fehlern, was die Probanden allerdings nicht wussten.

Die Klavierspieler griffen entsprechend oft daneben, drei von hundert Noten spielten sie falsch, egal ob sie das Test-Keyboard hören konnten oder nicht. Von einem kritischen Konzertpublikum wären sie wahrscheinlich ausgebuht worden.

Während der beiden Versuche wurden die Hirnströme per EEG aufgezeichnet. In den Daten suchten die Forscher nach negativen Ausschlägen, die mit dem Fehler zusammenhingen. Diese sogenannten ERNs (error- related negativities) treten normalerweise auf, nachdem ein Proband einen Fehler bemerkt hat. In diesem Fall aber erschienen die charakteristischen Ausschläge etwa 70 Millisekunden bevor die falsche Taste angeschlagen wurde. Außerdem stellten Herrojo und Altenmüller fest, dass die falschen Töne schwächer angeschlagen wurden als die richtigen. Offenbar merkt also das Gehirn, dass der Fehler in der Luft liegt, kann aber nicht mehr dagegen tun, als den entsprechenden Finger ein wenig abzubremsen. Der Fehlgriff ist durch nichts mehr zu verhindern.