Endlich der Pol! Der Preis von drei Jahrhunderten! Mein Traum und Ziel seit zwanzig Jahren. Endlich mein!" Vier Sätze nur, geschrieben auf einen Zettel, angeblich am 6. April 1909, eingelegt in ein Tagebuch. Robert Edwin Peary reklamierte so vor hundert Jahren, als erster Mensch den Nordpol erreicht zu haben.

Er lässt zwei Iglus bauen, dazu das Sternenbanner hissen und seinen Diener und die vier Inuit-Schlittenführer dreimal donnernd "Hoch!" rufen. Er steckt ein Papier in eine Flasche und schiebt sie in eine Eispyramide. "Ich habe", heißt es auf dem Zettel, "im Namen des Präsidenten der Vereinigten Staaten förmlich von der ganzen Umgegend Besitz ergriffen." Es gibt ein Foto, er schüttelt allen fünf Begleitern die Hand, "gewiss eine recht unzeremonielle Sache und gleichzeitig doch eine ganz demokratische", wie es später in seinem Expeditionsbericht heißt. Nun endlich, mit 52 Jahren, steht er dort, "wo jeder Wind, der uns entgegenblasen konnte, ein Südwind sein musste". Am Nachmittag des 7. April bricht er zur Rückreise auf.

Vielen Historikern gilt der Amerikaner seither als der Entdecker des nördlichen Pols, als erster Mensch, der auf 90 Grad Nord gestanden hat. Peary, geboren am 6. Mai 1856 in Cresson, Pennsylvania, war von den vielen Arktisforschern jener Zeit wohl der fanatischste und erfolgreichste, aber, glaubt man den meisten Biografen, gewiss nicht der sympathischste. Aufgewachsen als Halbwaise und erzogen von der Mutter, entwickelt er schnell einen überbordenden Ehrgeiz. "Ich habe darüber nachgedacht, wie ich mit 30 oder spätestens mit 35 Jahren sein möchte", schreibt er 1880 als 24-Jähriger in einem Brief: "groß, aufrecht, breitschultrig und mit kräftigem Brustkorb, zäh und ausdauernd […]; dazu ein todsicherer Schütze, ein kraftvoller, nie ermüdender Schwimmer und erstklassiger Reiter, ein geschickter Boxer und Fechter." Natürlich will er einige Fremdsprachen beherrschen und sich sicher auf jedem gesellschaftlichen Parkett bewegen.

Er wird Bauingenieur bei der Marine und ist froh über seinen ersten Job. "Ich bin Boss, statt gebosst zu werden", schreibt er seiner Mutter. "Habe mehr als 100 Leute unter meiner Kontrolle." Doch das füllt ihn nicht aus, er will mehr. 1884 lässt er sich nach Nicaragua versetzen, wo die USA mit dem Bau eines Kanals eine Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik schaffen wollen (sie wird erst 1914 mit der Vollendung des Panamakanals Wirklichkeit). In jener Zeit liest er ein Buch des skandinavischen Forschers Adolf Erik Nordenskiöld, der 1878/79 erstmals die Nordostpassage durchfahren hat. Danach steht sein Entschluss fest: Der Weg zum Ruhm führt nach Norden, zum Nordpol.

Peary nimmt Urlaub von der Marine, leiht sich Geld bei seiner Mutter, reist reichlich naiv nach Grönland, kauft ein paar Hundeschlitten und versucht, das Eis zu durchqueren. Nach 150 Kilometern muss er umkehren. Ein Triumph ist das nicht, und sein Brief an die Mutter klingt schon fast verzweifelt: "Vergiss nicht, ich muss berühmt sein."

"Das Spiel ist aus. Ich habe so lange gekämpft, wie ich konnte"

Die Polarregionen sind noch weitgehend Terra incognita. Die Deutschen Carl Koldewey und Paul Friedrich Hegemann dringen 1869 bis 77 Grad Nord vor. Eine österreichisch-ungarische Forschergruppe lässt sich von 1872 bis 1874 nach Norden treiben und entdeckt dabei jenes heute zu Russland gehörende Archipel, das sie Franz-Joseph-Land nennen. 1875/76 erreicht der Brite George Nares 83° 20' N. Die Entdecker widerlegen zumindest einige Theorien: Das Nordmeer wäre am Pol selbst eisfrei und warm und nur von einem dicken Eisring im Meer umgeben. Auch Vulkaninseln, wie vermutet, finden sie nicht.

Doch bleibt genug zu tun: die Küste Grönlands kartieren, die Strömungen des Polarmeeres erforschen, die Kultur der "Eskimos", der Inuit, dokumentieren. Peary aber ist kein Forscher, er ist Entdecker; er will Erster sein. Erster am Nordpol.