Wie kommen die Deutschen durch die Rezession? Die ZEIT begleitet Familie Rosenkranz durch die Krise.

Teil 1: Die Finanzkrise trifft einen Arbeitnehmerhaushalt (ZEIT Nr. 12/09)
Teil 2: Die Insolvenz des Arbeitgebers (ZEIT Nr. 13/09)

Wrist/Hohenlockstedt - Ein Tisch in einer sorgsam ausgefegten Werkshalle, ein gutes Dutzend Männer und eine Frau sitzen daran, es gibt Kaffee und Kuchen, Bild- Zeitung und Bier und 100 Teelichter auf einem Sperrholzsarg. Es ist Dienstag, der 31. März, der letzte Arbeitstag des Werkzeugmachers Manuel Rosenkranz nach 20 Jahren beim mittlerweile insolventen Autozulieferbetrieb HWU im schleswig-holsteinischen Hohenlockstedt. Gestern noch, am Montag, hat er sich nicht vorstellen können, "dass man morgens aufsteht und weiß, dahin kehre ich nie wieder zurück". Nun sind es nur noch ein paar Stunden.

Viele in der Runde haben mehr Zeit miteinander verbracht als mit ihren Ehefrauen; gut möglich, dass sie einander auch besser kennen als diese. Bei der Arbeit haben sie sich fast wortlos verstanden, und auch jetzt reden sie nicht viel.

Ihren alten Chef haben die Beschäftigten der HWU seit Wochen nicht mehr gesehen. Niemand hat von ihnen verlangt, die baufälligen Werkshallen ihres insolventen Arbeitgebers zu guter Letzt noch aufzuräumen. Sie tun es um ihrer selbst willen. "Wir haben uns vorgenommen, dass wir würdig den Arbeitsplatz verlassen, aufgeräumt, erhobenen Hauptes." Am Ende schaffen sie es, ohne dass Tränen fließen.

Die Dame bei der Zeitarbeitsfirma fragt, ob er vorbestraft sei

Die Krise ist eine Achterbahn, die Welt rast an Manuel Rosenkranz vorbei, schneller, als er es erfassen kann, und manchmal scheint sie kopfzustehen. Flüchtige Eindrücke aus den vergangenen Tagen: die Sachbearbeiterin beim Arbeitsamt, die von Zeitarbeit abrät. Facharbeiter würden immer gesucht, sagt sie, er solle sich nicht unter Wert verkaufen. Die "junge Dame" bei der Zeitarbeitsfirma, der er sich dennoch vorstellt, Mitte 20 war sie, erzählt er. Sie fragt ihn, den "gestandenen Mann mit 25 Berufsjahren", ob er Schulden habe, schon einmal straffällig geworden sei oder ob sein Lohn schon einmal gepfändet wurde. Grundsätzliche Einwände hat er nicht, aber "ein komisches Gefühl" sei das schon gewesen.

Die Globalisierung tritt durch die Tür ihres weißen Einfamilienhauses in Wrist, in dem Familie Rosenkranz lebt. Sie kommt in Gestalt eines Korrespondenten des amerikanischen Wall Street Journal, der offenbar die ZEIT liest. Der Mann hat Fragen zum deutschen Sozialstaat und berichtet seinerseits aus einer fremden Welt, in der Arbeiter wie Manuel Rosenkranz von heute auf morgen entlassen werden. "So, jetzt war’s das. Kündigungsfristen kennen die ja nicht." Die Arbeitslosenunterstützung in den USA, erfährt er, ist minimal und wird nur für wenige Monate gezahlt. Und dass Arbeitslose gewöhnlich sofort ihre Krankenversicherung kündigen, die sie sich nun nicht mehr leisten können.