Auf gerader Strecke schafft der Bugatti Veyron 407 Kilometer in der Stunde. Schneller geht’s mit einer Straßenzulassung nicht. Es verwundert kaum, dass das rasende Auto von Ingenieuren beim deutschen Mutterkonzern Volkswagen entwickelt wurde. Vor einigen Jahren ließen die Produzenten der britischen Autosendung Top Gear denn auch den Veyron im Fernsehen gegen den modernsten Kampfjet antreten: Eigene Autos bauen die Briten längst nicht mehr, aber dafür sind sie Weltspitze in der Rüstungsindustrie; den Eurofighter haben sie maßgeblich mitentwickelt. So wurde das Rennen auf dem Royal-Air-Force-Stützpunkt Coningsby zum Wettstreit zwischen deutscher und britischer Ingenieurleistung hochstilisiert – der Eurofighter gewann, wenn auch knapp.

Was den Deutschen ihre Autoindustrie ist, ist den Briten die Rüstungsbranche. Es gibt keinen anderen Wirtschaftszweig, in dem die fast vergessene britische Tradition innovativer Industrieproduktion so erfolgreich fortbesteht und der so wichtig ist für den Export. Britische Rüstungsschmieden beschäftigen mehr als 300.000 Menschen, die zusammen mehr als zehn Prozent der gesamten britischen Industrieproduktion erwirtschaften. Die Auftragsbücher sind so voll wie noch nie. Ein Drittel aller weltweit vergebenen Rüstungsaufträge wurde 2008 an britische Firmen vergeben – Gesamtwert: 53 Milliarden Pfund. Der Löwenanteil davon ging an die beiden größten Unternehmen: BAE Systems, das in den vergangenen zehn Jahren zum drittgrößten Rüstungskonzern der Welt geworden ist und vom Eurofighter bis hin zu neuen Astute-Atom-U-Booten und allerlei Soldatenausrüstung überall mitmischt. Und Rolls-Royce, ein Konzern, der mit seinen Turbinen und Düsenjets auch unter den Top 20 der Branche zu finden ist.

Die USA geben am meisten für Rüstung aus. Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen! © ZEIT Grafik/Quelle: Center for Arms Control and Non-Proliferation

Der Grundstein für den Exporterfolg der britischen Waffenhersteller wurde in der Nachkriegszeit gelegt. Anders als die Franzosen machten sich die Briten beim Aufbau ihres nuklearen Abschreckungsarsenals von den USA abhängig. Aus dieser strategischen Verbindung entstand eine enge Zusammenarbeit im Bereich militärischer Forschung und Entwicklung. Zwar blieb der Technologietransfer jahrzehntelang mehr oder weniger eine Einbahnstraße, weil die Amerikaner die Ergebnisse ihrer neuesten Techniken ängstlich für sich behielten, aber "so eine lange Verbindung schafft Vertrauen", sagt Ian Godden, der Vorsitzende der Vereinigung britischer Luftfahrtgesellschaften (SABC). Unterdessen ist BAE Systems auch an der Entwicklung des Kampfflugzeuges F-35 Lightning II beteiligt, das unter der Führung von Lockheed Martin gebaut wird. "Damit entstehen die wichtigsten Entwicklungen in der Branche, der F-35 und der Eurofighter, unter britischer Mitwirkung", sagt Godden. Wie kein anderes ausländisches Unternehmen der Branche konnte BAE Systems sich auf dem US-Markt etablieren. Mit britischer Soldatenausrüstung und minenfesten Panzerwagen rüsten die Amerikaner auch ihre Truppen im Irak und in Afghanistan aus und machen den Waffenriesen aus Farnborough zu einem ihrer wichtigsten Lieferanten.

Auch die saudische Regierung kauft am liebsten schweres Gerät made in UK. Seit den achtziger Jahren läuft ein Vertrag, unter dem die Briten den Saudis ein Verteidigungsprogramm im Wert von bisher 63 Milliarden Pfund geliefert haben. Trotz einer peinlichen Schmiergeldaffäre, die vor zwei Jahren publik wurde, läuft der Vertrag mit der Rückendeckung der britischen Regierung weiter.

Die größten Rüstungsunternehmen der Welt. Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen! © ZEIT Grafik/Quelle: Sipri Yearbook 2008

Letztere bleibt der größte Auftraggeber – und das gilt selbst angesichts der Sparzwänge durch die Rezession. Ian Godden glaubt nicht, dass der Verteidigungshaushalt in den kommenden Jahren wesentlich eingedampft wird. Allein für die Royal Navy führt BAE Systems derzeit zwei Konsortien, die für zwei Milliarden Pfund die neue Generation von schwer bis gar nicht zu ortenden Tarnkappen-U-Booten bauen und bis 2016 die neue Klasse von Flugzeugträgern entwickeln, wofür vier Milliarden Pfund bereitstehen. Zusätzlich wurde beschlossen, die nukleare Abschreckungskapazität Großbritanniens mit 20 Milliarden Pfund bis 2025 zu erneuern. "Das britische Verteidigungsministerium ist einer der größten Investoren für Forschung und Entwicklung, zurzeit geben wir dafür rund 2,5 Milliarden Pfund im Jahr aus", sagt Staatssekretär Quentin Davis.

Und insgesamt gilt: Durch die politische und wirtschaftliche Nähe zu den USA und durch die hohe Zahl britischer Truppen an den wichtigsten Kriegsschauplätzen der letzten Jahre hat Britanniens Rüstungsindustrie, so Guy Anderson von der Branchenzeitung Jane’s Defence Weekly, "einen wichtigen Entwicklungsvorsprung gegenüber ihren Konkurrenten".