Es war ein verbaler Präventivschlag: Wegen der »unaufhörlichen Versuche der Nato, ihre militärische Infrastruktur in die Nähe der russischen Grenzen zu erweitern«, werde er die »Gefechtsbereitschaft der strategischen Atomwaffen erhöhen«, polterte Präsident Dmitrij Medwedew Mitte März. Er habe eine Aufrüstung von Armee und Marine »in großem Umfang« angeordnet, Start 2011. Starke Worte – doch werden Taten folgen, wird die alte militärische Supermacht Russland wiederauferstehen?

Tatsache ist: Die Russische Föderation hat als zweitgrößter Waffenexporteur 2008 mit Waffenverkäufen 8,4 Milliarden Euro erwirtschaftet, und sie will diese Rekordsumme bis 2012 jedes Jahr um weitere zehn Prozent steigern. Tatsache ist auch, dass sie ihre Militärausgaben nach Angaben der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in den vergangenen zehn Jahre glatt verzehnfacht hat. Andererseits aber ist auch Russland von der weltweiten Wirtschaftskrise schwer angeschlagen. Westliche Experten bezweifeln, dass der geplante Verteidigungsetat für das Jahr 2009 von umgerechnet 66 Milliarden Euro – im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 27 Prozent – überhaupt gehalten werden kann, zumal das außenpolitische Klima seit Amtsantritt von Barack Obama freundlich ist wie lange nicht.

Wessen Regeln also gehorchen die 42 Unternehmen von Russlands militärisch-industriellem Komplex, die da im Windschatten der Weltpolitik ihr stilles Eigenleben führen?

Um die Grafik zu öffnen, klicken Sie bitte auf das BildSpurensuche in Schukowskij, einer 100.000-Einwohner-Stadt südöstlich von Moskau. Die Russen kennen sie als »Stadt der Aviatoren«. Hier schlug lange Zeit das Herz der sowjetischen Weltraum- und Luftfahrt: Jurij Gagarin, der erste Mensch im All, trainierte das Fliegen im Weltraum, Flugzeugkonstrukteur Andrej Tupolew entwickelte seine Prototypen. Und Mitte der fünfziger Jahre schrieb ein Konstruktionsbüro namens Mikojan-Gurewitsch auf dem Reißbrett Technikgeschichte; die von ihm entwickelte MiG-21 gilt bis heute als der meistgebaute Kampfjet der Welt. Zusammen mit dem Sturmgewehr Kalaschnikow AK-47 begründete er das Image der russischen Waffentechnik: einfach zu bedienen und unverwüstlich. Kriegswerkzeuge, robust wie Traktoren, die ihre Benutzer nicht im Stich lassen.

Bis heute liegt das Betriebs- und Testfluggelände unzugänglich hinter einer haushohen Absperrung – zusammen mit Europas längster Start- und Landebahn. Umso aufgeschlossener ist der Bürgermeister. Aleksandr Bobownikow, ein älterer Herr, empfängt seine Gäste mit freundlicher Zurückhaltung. Militärtechnische Fragen aber beantwortet auch er mit sichtlichem Unbehagen: »Warum zeigen die Westmedien Russland immer nur als Aggressor? Warum? Wir werden nicht mit Panzern zu Ihnen kommen! Wir können unser eigenes Territorium nicht verwalten, so viele innere Probleme haben wir!« Lieber erzählt Bobownikow von Schukowskijs Internationaler Luft- und Raumfahrtausstellung MAKS und davon, dass Premier Wladimir Putin der Stadt kürzlich den Status einer »Wissenschaftsstadt« zuerkannt habe – mit Aussicht auf entsprechende Förderung. »Die militärische Forschung spielt heute fast keine Rolle mehr«, sagt Bobownikow. »Die Studien, die unser bekanntes Zentrales Aerohydrodynamisches Institut durchführt, stehen zu 90 Prozent im Dienst der zivilen Luftfahrt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.«

Die Sowjetunion hat sich selbst zugrunde gerüstet – diese Erkenntnis hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. In Jahren nach dem Ende des Kommunismus, als es an allem fehlte, betrachteten die Russen ihre einst hoch geschätzte Armee daher nur noch als unproduktiven Steuerfresser. Die staatlichen Verteidigungsausgaben sanken gegen null, Kampfbomber und Raketenträger verrotteten, Rüstungswerke retteten sich in die zivile Produktion oder in den Export.

Um die Grafik zu öffnen, klicken Sie bitte auf das BildAuch heute verbirgt die einstige Militärmacht hinter ihren starken Posen den eigentlich desolaten Zustand ihres Rüstungssektors – zumindest im konventionellen Bereich. Wer mit Armeeangehörigen ins Gespräch kommt, hört Haarsträubendes. »Erst gestern wären wir fast abgestürzt, weil einer der beiden Motoren ausgefallen war«, klagt ein Major der Luftwaffe. »Die normale Betriebsdauer von Militärmaschinen liegt zwischen 25 und 30 Jahren. Aber unsere sind 40 oder 50 Jahre alt!«