Ist das schön: ein Ort in Deutschland, an dem das Wort "Krise" nicht sofort fällt und die Arbeitnehmer noch angstfrei arbeiten. "Ich hab hier einen Arbeitsplatz bis zur Rente", sagt Elke Nowakowski, 52 Jahre alt und seit acht Jahren bei der SMA in der Produktion beschäftigt. Und in der Chefetage kann sich Vorstand Günther Cramer ein Grinsen nicht verkneifen. Krise, das heißt für ihn: "2009 werden wir unseren Gewinn wohl nicht wieder verdoppeln können." Bei der jüngsten Weihnachtsfeier, zu einer Zeit also, als woanders längst Manager ausgebuht wurden, da erhielten Cramer und seine drei Vorstandskollegen fünf Minuten lang Beifall von den mehr als 2000 anwesenden Mitarbeitern.

Die hessische SMA Technology AG ist Weltmarktführer in der Produktion sogenannter Wechselrichter, die bei der SMA den schönen Namen Sunny Boys tragen. Knallrote Blechkästen, äußerlich hübsch anzusehen, innen vollgestopft mit Elektronik. Wechselrichter sind das Herz einer jeden Solaranlage, egal, ob diese nun für Strom in einem Einfamilienhaus sorgt oder in einer Fabrik. Sie wandeln den Gleichstrom der Solarpanels in den für unsere Netze nötigen Wechselstrom. Im vergangenen Jahr ging die SMA an die Börse. Sie hat Niederlassungen in neun Ländern.

In der Werkshalle: Mitarbeiter der SMA Solar Technology AG fertigen den Solar-Wechselrichters "Sunny Boy" © SMA Solar Technology AG

Das Industriegebiet von Niestetal, einem 10.000-Einwohner-Städtchen in Hessen, liegt direkt an der Stadtgrenze von Kassel. Seit ihrer Gründung 1981 ist die SMA stetig gewachsen, heute durchsprenkeln ihre Büros und Produktionsstätten das Ortsbild wie Sommersprossen. Vor Kurzem wurde die neue Firmenzentrale bezogen, vor einigen Tagen eine riesige neue Produktionshalle: 25.000 Quadratmeter Fläche, lichtdurchflutet und mit modernem Interieur. Die Halle steht nur halb auf Kasseler Stadtgebiet: "Wir konnten der SMA einfach keine Flächen mehr bieten", sagt Niestetals Bürgermeister Andreas Siebert. Doch er gibt gern etwas vom Kuchen ab: "Die SMA ist für unsere Stadt ein Segen."

Das Erfolgsgeheimnis ist ein grünes Stück Blech in DIN-A3-Größe

Sonnenallee heißt die frisch gebaute Stichstraße zur Zentrale, in wenigen Monaten soll hier ein neues Ausbildungszentrum stehen, die SMA-Fortbildungsakademie. Sie wird auf Stelzen stehen, denn das Gelände liegt im Überflutungsgebiet der Fulda. Die breite Treppe wirkt ein wenig protzig. Richtig schön findet Günther Cramer das nicht, aber: "Wenn Sie delegieren, dann müssen Sie damit rechnen, dass das Ergebnis auch mal anders ausfällt", sagt er und zieht sich einen Cappuccino aus einer WMF-Maschine, wie sie überall in der Firma zum freien Gebrauch aufgestellt wurden. Der drahtig-dynamische Manager ist geschmackvoll gekleidet, aber man merkt ihm gleich an, wie wenig ihm Äußerlichkeiten bedeuten. Wirklich wichtig im Leben von Günther Cramer ist ein grünes Stück Blech von circa 500 Gramm Gewicht in DIN-A3-Größe, bestückt mit mehr als tausend Bauteilen: eine Wechselrichterplatine. Im Chefbüro hängt ein überdimensioniertes Foto einer solchen Platine in Großaufnahme. Es sieht aus wie moderne Kunst.

Platinen löten – damit begann die Geschichte der SMA vor über 30 Jahren. Damals saßen drei junge Studenten als wissenschaftliche Hilfskräfte im Studiengang Elektrotechnik an der Uni Kassel. Günther Cramer (Jahrgang 1952), Reiner Wettlaufer (1955) und Peter Drews (1956). "Pfiffige Kerle" seien das gewesen, erinnert sich ihr damaliger Professor Werner Kleinkauf, 70 Jahre alt und Doyen im Bereich erneuerbare Energien. Alle drei waren grundverschieden: Drews, der Analytiker; Wettlaufer, der Pragmatiker; Cramer, der Manager.

In den siebziger Jahren trugen die Studenten Parka, lange Haare, protestierten gegen AKWs und diskutierten in der Studentenvertretung über Mitbestimmung und die Ölkrise – so auch die drei Jungs mit dem Lötkolben. Doch bald merkten sie, dass sie nicht nur gut argumentieren, sondern auch miteinander arbeiten konnten. Von ihrem Professor bekamen sie Fremdaufträge vom Bundesforschungsministerium oder von Industriekonzernen wie MAN oder MBB. Berührungsängste? "Klar", sagt Cramer, immerhin kam er aus dem alternativen Milieu. Aber: Es ging um Wind- und um Sonnenkraft, da war jeder Auftraggeber recht. In einem Messbus war das Team tagelang auf Pellworm unterwegs. "Richtige Pionierarbeit", erinnert sich Cramer. "Wir konnten nachweisen, dass man tatsächlich Energie aus Sonne und Wind gewinnen kann." Ein Zukunftsmarkt. "Spinner waren wir nie", betont Werner Kleinkauf: "Wir wussten, dass diese Technik kommen wird."

1981 gründeten die drei diplomierten Studenten mit ihrem Professor eine Gesellschaft für System-, Mess- und Anlagentechnik, die Keimzelle der heutigen SMA. Klar war vor allem eins, es sollte um erneuerbare Energien und die dafür nötige Regeltechnik gehen. 5000 Mark musste jeder einzahlen, für den Kredit von der Bank über 30.000 Mark schlossen sie als Sicherheit noch Lebensversicherungen ab. Das Büro lag über einer Bäckerei, ausgerechnet in der Kohlenstraße.