Schröder: Ich sehe diese Gefahr nicht mehr. Ich habe den Eindruck, dass die Frau Bundeskanzlerin inzwischen eine sehr viel rationalere Position bezogen hat. Eine Position, die der Bundesaußenminister stets vertreten hat. Der Realismus ist eingekehrt.

ZEITmagazin: Das Selbstverständnis der ökonomischen und politischen Eliten in Russland ist europäisch?

Schröder: Das ist so. Allerdings besteht die Gefahr, dass sich dieses Selbstverständnis in Richtung Asien verändert. Wenn die russischen Eliten ständig bescheinigt kriegen, dass sie eigentlich keine Partner sind, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Russen irgendwann nicht mehr wollen. So ähnlich liegen die Dinge übrigens im Verhältnis der Europäischen Union zur Türkei. Ständig werden neue Hürden aufgebaut, gut möglich, dass die Türken irgendwann die Lust verlieren. Damit wäre für Europa ein demokratischer Brückenkopf zur islamischen Welt zerstört.

ZEITmagazin: Wenn Sie über Russland reden, spricht der ehemalige Bundeskanzler, aber auch der Aufsichtsratsvorsitzende einer Gasprom-Tochter.

Schröder: Jetzt fangen Sie auch damit an. Diese Pipelinegesellschaft ist kein Gasprom-Unternehmen, sondern ein europäisches Joint Venture, dazu gehören zwei deutsche Konzerne, ein holländischer, ein russischer und möglicherweise bald ein französischer. Die Gaspipeline wird die Energiesicherheit ganz Europas verbessern. Aber um es klar zu sagen: Ich hätte auch keine Probleme, für Gasprom zu arbeiten. Warum auch? Wenn ich für ein amerikanisches Großunternehmen tätig wäre, würden mir Lorbeerkränze geflochten. Für die Arbeit mit russischen Firmen bekommt man nur Kritik, auch wenn sie im deutschen und europäischen Interesse ist.

ZEITmagazin: Jetzt hängt an Ihnen das Etikett "der Gasprom-Kanzler". Hat Sie die Heftigkeit der öffentlichen Attacken wirklich überrascht?

Schröder: Die Intensität hat mich überrascht, ja. Eigentlich kann mich nämlich, was Medien angeht, nur wenig noch überraschen.

ZEITmagazin: Eben. Sie konnten in Ihrer politischen Laufbahn auch selber immer gut austeilen. Und Sie klebten anderen Leuten Etiketten an, nicht zu deren Vergnügen. Wir erinnern nur an Paul Kirchhof, den Steuerexperten der Union im letzten Wahlkampf. Den nannten Sie nur den "Professor aus Heidelberg" und versuchten auf diese Weise, seine Steuerpläne lächerlich zu machen.

Schröder: Das war doch kein Etikett, der war doch Professor. Ich hab nichts Böses über ihn gesagt. Fallen gelassen hat ihn eine andere.

ZEITmagazin: Als Polit-Profi mussten Sie damit rechnen, dass man Ihnen das Gasprom-Etikett anhängt.

Schröder: Ja, ja. Natürlich, ganz so naiv bin ich nicht. Aber mich hat es schon überrascht, wie wenig über die tatsächlichen Sachverhalte geredet wird.

ZEITmagazin: Helmut Schmidt hat gesagt, gegen Ihren neuen Job sei grundsätzlich nichts einzuwenden. Allerdings meinte er auch, es sei ein bisschen zu früh gewesen.

Schröder: Dieser Zeitpunkt war für mich aber sehr wichtig. Es ging für mich auch darum, eine Enttäuschung zu überwinden, darüber sollte ein Politiker auch ruhig mal reden. Es gibt diese Enttäuschung eben, wenn ein Politiker unfreiwillig aufhören muss durch das Votum der Wähler. Das ist schon eine ziemlich existenzielle Situation. Da brauchen Sie Freunde, da brauchen Sie erst recht Menschen, die Sie lieben, aber Sie brauchen auch was zu tun. Und das sollte möglichst was Sinnvolles sein. Insofern hätte mir der Hinweis "Mach erst mal zwei Jahre nix" nichts gebracht. Die ersten beiden Jahre sind ja gerade die schwierigen.

ZEITmagazin: Sie hatten Angst, in ein Loch zu fallen?

Schröder: Es war keine Frage von Angst. Ich wusste, wenn du nicht arbeitest, wirst du zu Hause ungenießbar. Ich fühlte mich mit 61 Jahren zu jung, um sozusagen nur Ruhestand zu machen. Für mich war sofort klar, ich gehe raus aus dem Bundestag. Ich wollte da nicht herumhocken als ständige Mahnung.

ZEITmagazin: So wie es Helmut Kohl getan hat.

Schröder: Das ist nie gut. Es ist besser, man macht einen Strich, und den habe ich gemacht. Es ist schon merkwürdig: Immer wird gefordert, ein Politiker sollte unabhängig sein, er sollte einen Beruf haben. War bei mir so. Und ist jetzt so. Das ist dann auch wieder nicht recht.

ZEITmagazin: Tony Blair ist nach seinem Abschied vom Amt zum Katholizismus übergetreten.

Schröder: Das war für mich keine Alternative.

ZEITmagazin: Bei Ihnen rief Wladimir Putin an.

Schröder: Ja. Der damalige Präsident fragte mich nach dem Ende meiner Amtszeit: Willst du das machen, er würde sich freuen. Ich habe mich über das Angebot gefreut und zugesagt.