ZEITmagazin: …als Putin Sie nach Moskau einlud…

Schröder: …nicht nur das. Es war eine der emotionalsten Veranstaltungen, an denen ich je teilgenommen habe. Putin sprach in seiner Rede nur über die Beziehung zwischen Deutschland und Russland, obwohl da auch der amerikanische und der französische Präsident saßen, der britische Premier und andere. Putin und ich trafen mit deutschen und russischen Kriegsteilnehmern zusammen, Veteranen, die sich umarmten. Wer das erlebte, der hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten.

ZEITmagazin: Hat damals auch die Erinnerung an Ihren Vater eine Rolle gespielt?

Schröder: Ja, dabei weiß ich gar nicht, ob mein Vater in Russland gewesen ist. Gefallen ist er in Rumänien. Für mich war es ein bewegender Moment, als herausgefunden wurde, wo genau sich das Grab meines Vaters in Rumänien befindet. Ich besuchte das Grab dort. Es war merkwürdig, er lag dort mit zehn Kameraden zusammen, ich habe meinen Vater nie gesehen.

ZEITmagazin: Wollten Sie ihn nicht nach Deutschland überführen?

Schröder: Man hat es mir angeboten. Aber wie sollte das gehen? Mit einer Genanalyse? Das macht man doch nicht.

ZEITmagazin: Die Welt erlebt eine Wirtschaftskrise – sind Sie froh, dass Sie die Dinge als Bundeskanzler nicht mehr richten müssen?

Schröder: Nein, ich empfände es als Herausforderung, in einer solchen Situation handeln zu können.

ZEITmagazin: Sicher?

Schröder: Ganz sicher! Die Zuversicht resultiert daraus, dass Krisenzeiten immer dazu führen, dass sich relevante Teile der Bevölkerung auf Veränderungen einlassen. Die Agenda 2010 konnten wir auch nur machen, weil hinreichend vielen Menschen klar war, dass es so nicht weitergeht. In vielen gesellschaftlichen Bereichen zeigt Deutschland eine erstaunliche Bereitschaft zur Veränderung. Zum Beispiel bekamen die Leute ein Gefühl dafür, dass wir ein Einwanderungsland sind, wir deshalb eine moderne Zuwanderungs- und Integrationspolitik brauchten. Damit hat Rot-Grün begonnen.

ZEITmagazin: Was hätte der Kanzler Schröder, der Finanzminister Schröder in der Krise anders gemacht?

Schröder: Was Peer Steinbrück zur Rettung der Banken unternommen hat, das war im Prinzip richtig. Ich glaube allerdings, dass an einem Punkt sozialdemokratische Urängste sichtbar geworden sind. Nämlich als es um die Frage ging: Zwingen wir die Banken, Hilfe anzunehmen, oder tun wir das nicht? Ich hätte dafür plädiert, die Maßnahmen mit Zwang auszustatten, damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt, aber auch um Diskriminierungen zu vermeiden. Auch meine ich, dass das zweite Konjunkturprogramm, das im Großen und Ganzen richtig angelegt ist, schon vor Weihnachten hätte kommen können.

ZEITmagazin: Soll der Staat Opel helfen?

Schröder: Ja, sicher. Ich verstehe übrigens all jene, die dabei ordnungspolitische Bauchschmerzen haben, die deshalb von Verzerrung des Wettbewerbs sprechen. Aber entscheidend ist doch, was die Arbeiter bei Opel in diesen Tagen immer wieder in der Zeitung lesen: Die Banken kriegen 500 Milliarden als Garantie, das Konjunkturprogramm macht 50 Milliarden aus, der Deutschlandfonds für die Wirtschaft 100 Milliarden, die Garantien für die Hypo Real Estate rund 100 Milliarden – und da soll der Arbeiter in Rüsselsheim oder Bochum kapieren, dass Geld für die Rettung seines Arbeitsplatzes nicht da ist? Begreif ich auch nicht.

ZEITmagazin: Opel ist eine politische Frage und weniger eine ökonomische?

Schröder: Genau. Weil die Bürger vom Staat Handlungsfähigkeit erwarten können, sonst verlieren sie das Vertrauen in demokratische Institutionen. Davon abgesehen: Warum sagt die Politik immer, wir warten auf ein Konzept? Wieso hat die Regierung kein Konzept? Wieso geht sie nicht zusammen mit den Banken mit eigenen Plänen zu Schaeffler oder Opel? Das wäre doch eine erwägenswerte Alternative, nämlich zu sagen, entweder ihr pariert, oder ihr kriegt kein Staatsgeld.

ZEITmagazin: Sind Sie von den deutschen Managern enttäuscht?

Schröder: Überhaupt nicht. Ich wusste immer, dass die auch nur mit Wasser kochen, und die meisten ganz gut.

ZEITmagazin: Wir reden über Raffgier.

Schröder: Soll ich darüber richten? Das ist nie meine Art gewesen. Mein Problem ist, dass ich zu Neid völlig unfähig bin. Wenn einer sehr viel Geld verdient, soll er doch! Ich halte es aber für unvertretbar, dass Leute, die ein Unternehmen in die Pleite fahren, dann mit vielen Millionen nach Hause gehen. Das ist falsch und muss gesetzlich geändert werden.

ZEITmagazin: Befürchten Sie, dass das Modell Putin, dass der Aufschwung in Moskau und St. Petersburg durch die Wirtschaftskrise gebremst wird?