Tulln / Mödling

Der grauhaarige Uniformierte lehnt sich an den Streifenwagen der Bezirkspolizei Tulln. "Eine ruhige Nacht wünsch ich euch", sagt er kollegial. Gaston Gneth zerquetscht eine Dose Red Bull, dann steigt auch er in sein Dienstfahrzeug. In einem VW-Bus patrouilliert er durch das Zentrum der niederösterreichischen Kleinstadt. Dort sorgt er für Ruhe und Sicherheit. Bloß: Der Mann ist kein Polizist.

Immer mehr Gemeinden vertrauen auf Männer wie Gaston Gneth. Von Hartberg bis Wals-Siezenheim, von der Wachau bis ins Lavanttal drehen private Sicherheitsdienste ihre Runden. Sie sollen die braven Bürger schützen, etwa vor der eigenen Dorfjugend, die Parkbänke ausreißt oder Mistkübel umkippt.

In Tulln geht Gaston Gneth auf Streife. Sohn Alexander empfängt neben ihm im Auto Funksprüche. Seine Sicherheitsfirma Skorpion führt Gneth senior als Familienbetrieb. Die ganze Nacht lang patrouillieren die beiden an Gasthäusern und Nachtlokalen vorbei. Anfangs überwachte Gneth noch Geldtransporte und Alarmanlagen, heute könnte man meinen, seinen Männern gehöre bereits die ganze Stadt. Im Einkaufszentrum schleicht ein Skorpion-Wächter umher. Vor dem Stadtsaal, wo die Provinzjugend zum Clubbing drängt, hüten vier Skorpion-Leute den Eingang. Gneth selbst klemmt seinen wuchtigen Körper hinter das Lenkrad und blickt mürrisch in die Nacht.

Die Zahlen bescheinigen der Privatstreife Erfolg. Die Polizeistatistik vermelde einen Rückgang der Vandalismusdelikte um fast die Hälfte, frohlocken die Ortskaiser der ÖVP. "Das würde rapide wieder ansteigen, wenn wir nicht da wären", sagt Franz Altmann, Gneths engster Mitarbeiter. Breitbeinig steht der Kampfsportler vor der Tür zum Stadtsaal, seine Muskeln spannen die schwarze Uniform. Gneth selbst hat neben Handschellen und Pfefferspray auch eine Dienstpistole, Marke Glock 19, um die Hüfte geschnallt. Statt des Bundesadlers der Polizei prangt auf seiner Brust ein Emblem mit einem gelben Skorpion. Beinahe scheint es, hier sei eine Privatarmee unterwegs, wenn auch nur eine, die aus wenigen Männern besteht.

So sieht das zumindest Liane Marecsek. "Die vertreiben und beobachten Jugendliche", beklagt die grüne Stadträtin, mit jungen Menschen solle man reden, anstatt sie zu überwachen. Wenn Oberskorpion Gneth so etwas hört, wird es in seinem VW-Bus sehr laut. "Was stellt die sich vor? Dass man jemandem mit 15 Vorstrafen sagen kann: Bitte besser dich!" Sollten ein paar Jugendliche aufeinander losprügeln, dann könne man zwar einen Psychologen zu Hilfe rufen – "aber der verbringt die Nacht im Spital", poltert Gneth. Die Tullner haben sich an die Skorpione gewöhnt. "Absolut super" finden ein paar Jugendliche die Truppe. Eine Mutter sagt: "Wenn die Leute ihre Kinder nicht mehr erziehen, dann muss es wer anderes tun." Nur wenige erheben vorsichtig Einspruch. Ein prominenter Kabarettist, der in Tulln lebt, meint bitter, nun werde eben auch die öffentliche Sicherheit ein Privatisierungsfall.

Tatsächlich passieren in dieser Nacht sonderbare Dinge. Der muskelbepackte Herr Altmann entpuppt sich als dauerlächelnder Türsteher, dem alle Jugendlichen nur "Servas, Franz!" zurufen. Und auch Gaston Gneth bittet die im Park campierenden Halbwüchsigen meistens nur höflich, den Müll wegzuräumen. "Es kann ja nicht sein, dass jeder auf James Bond macht", sagt er. Seine Autorität beruht freilich nur auf der suggestiven Wirkung, die er ausstrahlt. Denn Gneth verfügt lediglich über die Rechte jedes Privatmanns. Allenfalls darf er Ruhestörer zur Rede stellen und anzeigen, nicht jedoch einen Verweis aussprechen oder gar Anweisungen erteilen. Weil er sich penibel daran hält, stärken ihm heute Rathaus, Polizei und sogar die Sozialarbeiterinnen der Stadt den Rücken.