Die Porträtkunst Andy Warhols galt bislang als der anrüchigste Teil seines Werkes. Als er in den späten siebziger und achtziger Jahren dazu überging, Herrn und Frau Gernegroß, die Unternehmersgattin aus Heilbronn und den Fußballtorhüter aus Köln-Ehrenfeld gegen Bargeld und ein Polaroidfoto in seiner spezifischen Manier zu porträtieren, belächelte die Kunstwelt die Sehnsucht der Porträtierten nach der fünfzehnminütigen Berührung durch die Hand des Meisters genauso spöttisch wie den Porträtisten selber – nach dem Motto: Er war alt und brauchte das Geld.

Erst zweiundzwanzig Jahre nach Andy Warhols Tod wagt es in diesen Tagen eine erste Ausstellung, sich ganz dem Thema seiner Porträtkunst zu widmen. Und als die Ausstellung Le grand monde d’Andy Warhol jetzt im Pariser Grand Palais eröffnet wurde, berichteten darüber auch nicht die Kunst-, sondern nur die Klatschmagazine. Kein Wunder, waren doch zur Vernissage fast alle gekommen, die Warhol porträtiert hat – und noch dazu die, die durch die Ungnade der späten Geburt am Porträtiertwerden gehindert worden sind. Die Ausstellung im Grand Palais wird dennoch langfristig allein als kunsthistorisches Ereignis in die Annalen eingehen, das bezeugt die spontane Reaktion von Yves Saint Laurents Lebensgefährten Pierre Bergé, die überall als Posse oder Eitelkeitsgeste missverstanden wurde. Bergé, dessen feiner Sinn für gute Kunst gerade durch die spektakuläre Laurent-Nachlass-Auktion in Paris unter Beweis gestellt wurde, hat noch am Abend der Eröffnung die vier dort ausgestellten Porträts von Yves Saint Laurent wieder abhängen lassen. Die offizielle Begründung lautete, man könne YSL nicht so einfach neben Giorgio Armani und Sonia Rykiel hängen und so zu einem schnöden Designer machen. Das werde seiner Größe nicht gerecht. Die Wahrheit jedoch, die Pierre Bergé am Eröffnungsabend erkannte, ist eine ganz andere: Andy Warhol ist so groß, dass er niemandem gerecht wird. Jedes ausgestellte Porträt vergrößert nur den Ruhm einer einzigen Person: und zwar den des Porträtisten. Jedes Menschenbild mehrt nur den Ruhm des Schöpfers. Durch Abhängen versuchte Bergé, Yves Saint Laurent wenigstens ein wenig von seiner gefährdeten Größe zu bewahren. Aber es war dafür viel zu spät: Laurent hatte sich selbst austauschbar und reproduzierbar und gemein gemacht, indem er dem austauschbaren und reproduzierbaren Wunsch nachgegeben hatte, sich von Warhol porträtieren zu lassen.

Die Sehnsucht, sich von der Masse abzuheben, ist das wahre Massenphänomen –diese eindrückliche Lektion erteilt uns Andy Warhol zweiundzwanzig Jahre nach seinem Tod. Warhol selbst hingegen hat auf faszinierende Weise seine Kunst durch seine stilistische Methode imprägniert: Bedeutungsverlust durch Multiplizieren ist die Bedingung seiner Kunst. Es war keine Revolution, vierzig Jahre nach Marcel Duchamp eine Suppendose zu malen. Aber es war eine Revolution, die Mechanismen der Suppenproduktion auf die der Gemäldeproduktion zu übertragen. Individualität, so lehrt auf perfide Weise jedes seiner Porträts, ist nur ein Schein. Einen Heiligenschein erhält nur der, der das beweisen kann.