Als Giorgio Armani noch ein relativ unbekannter junger italienischer Designer der siebziger Jahre war, genügte ihm ein Handgriff, um zur Legende zu werden: Mit einem kräftigen Ruck riss er aus dem Sakko die gesamte Polsterung. Zuvor waren Anzüge Büro-Rüstungen gewesen. Armani ließ den Anzugstoff um den Mann – und später auch um die Frau – herumfließen wie kühles Wasser. Plötzlich war dieses Kleidungsstück nicht mehr steif, sondern sexy.

Es scheint, als erlaube sich die Mode in guten Zeiten, in denen die Menschen lockerlassen können, in denen sie das Leben genießen wollen, feinfühlig, filigran und verspielt zu sein. So war es schon bald nach dem Krieg, als Christian Dior den opulenten "New Look" vorstellte, der die kantige, uniformartige Mangelmode der ersten Nachkriegsjahre ablöste.

Betrachtet man die aktuellen Entwürfe der Designer, muss man davon ausgehen, dass die Zeiten sehr hart werden. Breite Schultern, wohin man auch blickt. Es ist, als hätte Giorgio Armani all die Schulterpolster, die er damals aus den Anzügen herausgerissen hat, aufgehoben, um sie nun wieder einzunähen. Bei den Schauen in Mailand stöckelten seine Models in Blazern über den Laufsteg, die den schmalen Frauen eine gewisse Sperrigkeit verliehen. Armani wurde allerdings noch übertroffen von Gianfranco Ferré, der aus den Schultern wahre Kamelhöcker machte.

Gerne wird in diesem Kontext von der Rückkehr des Powerdressings der achtziger Jahre gesprochen. Der großen Zeit von Grace Jones und Meg Ryan. Und da man zurzeit alles aus den Achtzigern gut finden muss, ist der Look der breiten Schultern eben auch nicht zu umgehen.

Man wird die Schulterposter nehmen müssen, wie sie kommen. Gegenwehr hilft nicht. Am besten lassen sich eckige Schultern mit breiten Gürteln, großen Ohrringen und hohen Schuhen tragen. Und man braucht die richtige Haltung dafür. Man muss sich bewusst sein: Hier kommt jemand, der sich nicht umrempeln und schon gar nicht übersehen lässt. Hier ist jemand, der ganz bestimmt nicht verdrängt wird.

In Zeiten der Wirtschaftskrise ist das die beste Einstellung. Und wenn die Krise vorbei ist, nimmt man das Kleidungsstück zur Hand – und reißt die Polster wieder heraus.