Zum ersten Mal seit seiner Inauguration treffen sich in dieser Woche Barack Obama und Angela Merkel. In Berlin wird gemunkelt, das Verhältnis der beiden sei gespannt, die Kanzlerin reagiere frostig, wenn das Gespräch auf ihn komme. Man darf annehmen, dass das stimmt. Denn ihr gegenüber wird der Name Obama zumeist nur genannt, weil der Mann angeblich alles hat, was ihr, der vorsichtigen, kühlen Frau fehlt: Charisma, Begeisterungsfähigkeit, Entschlossenheit.

In der Tat sind beide sehr verschieden. Das spricht für interessante Begegnungen. Wichtig sind ihre charakterlichen Differenzen jedoch nur, weil sie mit den Mentalitätsunterschieden ihrer Völker korrespondieren. Und weil Merkel und Obama den Wandel im deutsch-amerikanischen Verhältnis verkörpern.

Jahrzehntelang war das Verhältnis paternalistisch. Die USA haben die Deutschen befreit, ihnen die Demokratie beigebracht und sie beschützt. Darum benahm sich die deutsche Politik mitsamt der hiesigen Publizistik folgsam und beflissen, ab und an durchmischt mit ein wenig Trotz. Wenn die USA kritisiert wurden, dann meist im aufsässigen Ton des enttäuschten Schülers. Mitgemacht hat man am Ende doch alles – bis hin zum Afghanistankrieg. Gerhard Schröder brach mit dieser Tradition. Allerdings trug sein Nein zum Irakkrieg noch Züge pubertärer Auflehnung, jedenfalls im Stil. Erst mit Kanzlerin Merkel fand Deutschland zu einer emanzipierten, erwachsenen Haltung gegenüber den USA. Das gefiel den meisten hier zunächst, weil es bedeutete, George W. Bush cool zu kritisieren. Heute gefällt es vielen nicht, weil es bedeutet, Obama cool zu begegnen, mitunter sogar: ihn zurückzuweisen.

Darum geht es in dieser Woche. Merkel weigert sich, es den USA nachzutun und noch mehr schuldenfinanzierte Konjunkturpakete zu schnüren. Viele, auch in Deutschland, kritisieren die Kanzlerin dafür, wohl aus dem überkommenen Gefühl heraus, dass die Amerikaner es eh besser wissen, dass sie mutiger sind, dynamischer und dergleichen.

Diese Kritik erstaunt. Immerhin kann man den Wunsch der Amerikaner, jetzt gemeinsam die große Notenpresse anzuwerfen, auch als die vierte Wahnwelle binnen zehn Jahren ansehen. Der erste amerikanische Wahn war die Internetblase, die um die Jahrtausendwende herum platzte. Es folgte als Antwort auf 9/11 die Idee, die Demokratie auf der Spitze eines Bajonetts in die Welt zu tragen. Zugleich wuchs die Immobilien- und Schuldenblase, mit der die Amerikaner sich selbst und uns eine Wirtschaftsdynamik vorspielten, die es nicht gab. Nun also die Bekämpfung der Schuldenkrise durch noch viel mehr Schulden.