Nato ist wie Rentensystem und Kanalisation: nicht gerade unterhaltsam, aber sehr wichtig; wie sehr, würden wir erst merken, wenn sie aus unserem Leben verschwänden. Eigentlich hätte das Bündnis nach dem Selbstmord der Sowjetunion in der Ablage der Geschichte landen müssen; spätestens 1994, als der letzte russische Soldat hinter den Bug zurückgekehrt war. Denn Allianzen sterben, wenn sie siegen. Mit dem Feind verlieren sie ihr Lebensrecht; das ist ein eisernes Gesetz internationaler Politik.

Doch feiert die alte Tante am 4. April ihren Sechzigsten – ein historisches First. Die Grand Alliance gegen Napoleon begann zu siechen, kaum, dass der letzte Walzer auf dem Wiener Kongress verklungen war. Die Entente gegen Deutschland war drei Jahre nach Versailles tot, als London wieder Gleichgewichtspolitik gegen Paris auflegte. Das Anti-Hitler-Bündnis ging fast nahtlos in den Kalten Krieg über.

Was hat diese Allianz, das anderen fehlte? Sie hatte stets, das ist das historisch Einzigartige, mehr Funktionen als Feinde. Der erste Generalsekretär, Lord Ismay, nannte gleich drei: Keep the Americans in, the Russians out and the Germans down . Die europäische Sicherheit atlantisch zu verankern ist noch heute das erste Interesse. Die Russen draußen? Ja, natürlich, denn Russland, ob unter den weißen oder roten Zaren, war immer zu groß, zu unberechenbar für Europa. Und die Deutschen niederzuhalten? Das muss umformuliert werden in "die europäische Verteidigungspolitik weiterhin zu entnationalisieren".

Europas längster Frieden ist nicht denkbar ohne die Vergemeinschaftung der Sicherheitspolitik seit 1945. "Sicherheit mit" hat "Sicherheit gegen" ersetzt; zum ersten Mal in der Geschichte lagen Frankreich, England, Deutschland, die Erben von Ludwig XIV. und dem zweiten Wilhelm im selben Schützengraben. Seitdem ist eine gewaltige Tradition der Zusammenarbeit entstanden: Oberbefehl, Verbindungsstränge, Manöver, Ausrüstung – alles gemeinsam. Solche Assets, wie es auf Neudeutsch heißt, wirft man nicht leichtfertig weg.

Die Allianz-als-Gemeinschaft erklärt auch ihr erfolgreiches Geschäftsmodell. Statt nach dem Abzug der russischen Armee 1994 Gläubigerschutz zu suchen, hat die Nato einen neuen Markt nach dem anderen erobert. Ursprünglich hatte sie zwölf, jetzt hat sie 26 Mitglieder. Wenn sie dürften, wären Georgien, Moldawien und die Ukraine auch schon in Brüssel. Dass Frankreich 43 Jahre nach de Gaulles Auszug in die Militärintegration zurückkehrt, ist kein Zeichen von Altersschwäche, sondern Ausweis der Funktionalität. Tante Nato ist nicht sexy, aber nützlich.

Das hat sie in den Neunzigern bewiesen, als die EU-Europäer nicht einmal im eigenen balkanischen Vorhof aufräumen konnten. Das beweist sie in Afghanistan mit derzeit 22.000 Nicht-US-Soldaten.

Aber stellen wir uns vor, es gäbe die Nato nicht. Dann hieße es auf einmal "Ami went home", dann hätten die Deutschen wieder ein eigenes OKW, dann könnten die Briten Zuflucht im Zweibund mit Amerika suchen, dann würde Moskau die osteuropäischen Nachbarn noch härter bedrängen. Also: Happy Birthday!