Die Vertreibung – Seite 1

Als Sarja Sillah aus seinem Zelt springt und losläuft, tastet er in der linken Tasche seiner Jogginghose nach seinem Reisepass, Republik Gambia, Passnummer PC 099542. Nur für den Fall, dass es diesmal klappt. Die Morgensonne hat ihn geweckt, vielleicht wird dieser Tag etwas für ihn übrighaben. Sarja Sillah läuft durch den lichten Wald, der die bewohnte Welt von den Erdbeerplantagen trennt. Es ist so still, dass er das Knacken der Kiefernnadeln unter seinen Schritten hört. So früh sind nicht einmal die Bauern mit ihren Treckern unterwegs – beruhigend, dass auch die Guardia civil noch schläft.

Schon hundert Mal ist er diesen Weg gegangen, jeden Morgen, vorbei an den Leitungsmasten, die den spanischen Bauern Strom bringen. Vorbei an den Bewässerungsrohren, von denen Sarja Sillah einige in den Wald geschleppt und zu Zeltstangen gebogen hat, vorbei an den Plastikplanen, die er als Zeltdach über die Stangen gezogen hat, vorbei an den Hydranten, aus denen er sich heimlich Wasser gezapft hat, vorbei an den Pappkartons, von denen er sich ein paar genommen hat, weil er zum Schlafen eine Unterlage braucht. Er, der ehemalige Bauarbeiter aus Madrid, hat sich zum Spezialisten für unbeobachtete Augenblicke entwickelt. Er schleicht um die Felder wie eine Hyäne, die sich fressenden Löwen nähert. Die Erfahrung sagt der Hyäne, dass sie warten muss, bis sich die Löwen von den Resten abwenden.

Sarja Sillah, laut Reisepass geboren am 1. Januar 1966 in Mandinary, Gambia, läuft fast eine Stunde an der menschenleeren Straße entlang, bis er endlich an der elf-Tankstelle ist, wo er jeden Morgen nach Arbeit fragt. "Wir haben nichts." Er fragt im Telefonladen. "Wir haben nichts." Er fragt in der Bar El Fresón, große Erdbeere, wo die Polizisten gleich ihren Morgenkaffee trinken werden, bevor sie wieder durch die Wälder patrouillieren und die Afrikaner warnen: Wenn ihr weitere Zelte aufbaut, reißen wir euer Lager ab.

In der Bar sagen sie im Radio, dass jede Minute tausend Spanier ihren Job verlieren. Dann wird die Meldung korrigiert: pro Minute ein Spanier.

Palos de la Frontera, Südspanien. Costa de la Luz, Küste des Lichts. Hier stach Christoph Kolumbus im Jahr 1492 in See, danach kam 460 Jahre nichts, dann kamen die Erdbeeren, die schließlich zu Massenwaren in Plastiktunnels wurden, am Ende zu globalisierten Erdbeeren, Nachschub für die Supermärkte in Frankreich, England, Italien, Deutschland. Palos de la Frontera, Europas Hauptstadt der Erdbeere, 80000 Feldarbeiter.

Ein Helfer auf dem Acker verdient hier 36,50 Euro am Tag. Das war nicht verlockend, als Spanien noch Bauarbeiter und Kellner und Küchenhilfen brauchte. Aber jetzt, in der Krise, sind die Erdbeeren Sarja Sillahs Hoffnung. Seine Tage verbringt er auf der Straße, seit November schon. Er läuft und fragt, er muss sich bewegen, er rennt gegen die drohende Verzweiflung an, wie alle Leute im Zeltlager. Nachmittags kehren sie von Spaniens Landstraßen in den Wald zurück. Es riecht nach schwelender Holzkohle und verschmorten Pinienkernen.

Die Arbeiter aus Mali haben ihre Zelte neben dem Müllhaufen der Erdbeerbauern gebaut, der Senegal lenkt sich beim Fußball ab. Mauretanien döst, Marokko spielt Karten, Gambia sammelt Brennholz. Spaniens ausrangierte Service-Gesellschaft ist in den Wald gezogen, erhitzt rostige Wassereimer auf Flammen, die aus alten Autofelgen lodern, Wasser für die Wassersuppen, gewürzt mit Paprikapulver, Wasser für die Baumdusche hinter einem Vorhang aus Plastikfolien. Ein Wald hat sich mit hungrigen, schwarzen Männern gefüllt, der Wald der Ausgestoßenen, ein verstecktes Afrika.

Richtet man den Blick auf die Waldmenschen, begreift man die Wucht der Ereignisse. Der 15. September 2008, jener Tag, als in Amerika die Lehman-Bank zusammenbrach und die Krise der Weltwirtschaft auslöste, hat zu Firmenpleiten und Abwrackprämien geführt. Aber das sind bloß die Folgen, die es in die deutschen Abendnachrichten schaffen. In Wahrheit richtet die Finanzkrise noch viel mehr an. Sie treibt Millionen von Menschen vor sich her, eine neue globale Unterschicht. Menschen, die in Blechhütten leben, in Wäldern, eine soziale Klasse entbehrlicher Diener, das Lumpenproletariat der implodierten Welt AG. Menschen, die um einfache Arbeit betteln und einfache Fragen stellen.

Warum, fragt Sarja Sillah aus Gambia, stellen die Bauern hinter den hohen Zäunen nur Frauen für die Ernte ein, nur weiße Frauen?

Es sind noch drei Tage, sagt der Bauer Francisco Callejo Rodríguez, bis die Erdbeeren reif sind, die weichen Süßen, die Ventanas, und die empfindlichen Dicken, die Camarosas, die Ungespritzten für die sensiblen Deutschen. "Wenn ich Afrikaner zum Pflücken aufs Feld schicke, gibt es nur Ärger." Wer so etwas tue, der locke die Guardia civil an, die wiederum die rumänischen Arbeiterinnen nervös mache, die fleißig seien und zuverlässig. Einige der Afrikaner in den Zeltdörfern hätten keine Arbeitserlaubnis, andere ihre Papiere gefälscht. Wer so einen Menschen Erdbeeren pflücken lasse, riskiere bis zu 60000 Euro Strafe – das Werk der Regierung. Die Hautfarbe ist jetzt ein Warnsignal.

Die Welt sortiert sich wieder nach Farben und Herkunft.

Die Erdbeere, sagt der Bauer, sei eine Frucht für die sanften Hände rumänischer Frauen. Bloß keinen Druck, viel Gefühl, dreimal am Tag wässern. Die Erdbeere sei eine zarte Luxuspflanze, wie geschaffen für die Überflussmenschen im reichen Teil Europas. Erdbeeren sind doppelt so teuer wie Tomaten, teurer als Kiwis, und sollte die Wirtschaftskrise auch die Lebensmittel erreichen, dann werde die Erdbeere eines ihrer ersten Opfer sein. Sobald der Norden keine Erdbeeren mehr kaufe, müsse die Lage sehr ernst sein, sagt der Bauer, aber noch spüre er davon nichts. Warum, fragt er, will uns die Regierung dann die Rumäninnen wegnehmen?

Es sind noch vier Monate, sagt der Arbeitsvermittler Eduardo Domínguez Cano, dann wollte er wieder nach Bukarest reisen und neue Pflückerinnen anwerben, so war es jedenfalls geplant. Aber die Regierung plant anders, sie sortiert nicht mehr nach Arbeitseifer, sondern nach Nationalität. Der Rezession folgt die Selektion. Die Regierung wirbt auf U-Bahnen und Bussen für ein "Programm zur freiwilligen Rückkehr". Warum jetzt noch in Rumänien nach Erntehelfern suchen?

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Der Vermittler Cano hat sich diese Frage nie stellen müssen. Er kennt das Arbeitsministerium in Bukarest besser als das in Madrid. Er bewegte sich im Grenzstreifen zwischen Kapital und Arbeit, ist aber dem Kapital stärker zugeneigt, weil die Bauern ihn für die Vermittlung von Pflückerinnen bezahlen. Auch einige der Rumäninnen waren ihm so dankbar, dass sie ihm am Ende der Erntesaison ein Jesusbild überreichten, den Gottessohn mit einem großen roten Herzen, das aussieht wie eine überreife Erdbeere.

In seinem Büro hängt ein Ehrendiplom, verziert mit einer rumänischen Flagge, seinen Computerschirm schonen Pferdekarren aus Siebenbürgen. Arbeitsverträge hat er dort tausendfach aus Druckern laufen lassen, Dolmetscherinnen eingestellt, Reisebusse beschafft. "Ich werde gebraucht", sagt er ständig, "ich werde dringend gebraucht." Er klingt wie jemand, der sich den neuen Zeiten nicht fügen will.

Es sind noch sieben Tage, bis Alberto Garracho Robles die nächsten Einladungen verschicken wird, die den Vermittler und dessen Rumäninnen bedrohen. Die Regierung hat es von ihm verlangt. Er ist nicht mehr bloß ein Bauer, sondern der gewählte Präsident der Organisation Fresón de Palos, des größten Zusammenschlusses von Erdbeerbauern weltweit. "Ich muss den Bauern ein Vorbild sein", sagt der König der Erdbeeren.

Die Gewerkschaften haben die Regierung gedrängt, Einheimische bei der Besetzung von Jobs zu bevorzugen. Deswegen schlägt der König der Erdbeeren arbeitslosen Spaniern in seinen Briefen Feldarbeit vor. Sie sollen die Rumäninnen ersetzen. Von den ersten 180 angeschriebenen Spaniern kamen 72 vorbei, aber nur zwei nahmen den Job an. Wer Erdbeeren pflückt, kann im Monat höchstens 1000 Euro verdienen. Wer mindestens zwei Kinder hat, aber keinen Job, kann es auf fast 1400 Euro Arbeitslosengeld bringen. "Ich denke, das schwarze Loch kommt für diese Leute erst noch", sagt der König der Erdbeeren und lacht. Krisenzeiten sind keine schlechten Zeiten für Leute wie ihn. Mit jeder Schreckensmeldung wächst die Zahl der Menschen, die sich nach Erdbeeren bücken wollen.

In Amerika brach eine Investmentbank zusammen. Ein halbes Jahr später müssen sich Rumäninnen fragen, wie lange sie auf einem spanischen Acker noch Erdbeeren ernten dürfen. In Deutschland ist die Arbeitslosigkeit zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen auch in einem März gestiegen. Eine isländische Supermarktkette hat keine Devisen mehr, um im Ausland Lebensmittel zu kaufen. Der britische Architekt Sir Norman Foster schließt sein Berliner Büro, die Erde braucht keine neuen Flughäfen, Großbahnhöfe und Luxushotels. Ein Gefühl hat sich auf die Welt gelegt, das Weltkrisengefühl. Es ist, als stehe alles still, um danach in sich zusammenzufallen, Währungen, Handelsströme, Lebensläufe.

Es sind noch fünf Stunden, bis die nächste Mail eintreffen wird. Fünf Stunden, die Dietmar Feirer früher gar nicht spürte, weil er davon ausging, dass die Welt ihn nicht beschädigen könnte in dieser kurzen Zeit. Aber dann kollabierte das Finanzsystem, seither sind fünf Stunden nicht mehr fünf Stunden. Wie wird die Welt aussehen, wenn die nächsten Nachrichten vom Festland kommen? Und was wird sein, wenn er in den nächsten Hafen einfährt? Eben ist der Lotse von Bord gegangen, und Feirer, 59, Kapitän des Containerschiffes MS Conti Jupiter, schaut aus schmalen Augen in Richtung See. Vor ihm gleißt das Südchinesische Meer, hinter ihm versinkt Hongkong im Dunst. Er hätte nie gedacht, dass die kargen Meldungen aus Wirtschaft und Politik, die die Deutsche Welle täglich auf sein Schiff schickt, etwas mit ihm zu tun haben könnten. Das Land war das Land, die See war die See.

"Aber jetzt ist da so ein Nachrichtenhunger", sagt Feirer.

Am Morgen, in Hongkong, hatten zwei Schlepper wütend wie Kampfhunde an der Jupiter gezerrt. Das Hafenwasser schäumte, und langsam begann sich Feirers Schiff zu drehen, in Richtung Hamburg, in Richtung Heimat. Zitternd nahm Deutschlands größter Containerfrachter Fahrt auf, zwei Meter länger noch als die Queen Mary 2. Ein Lastesel der Konsumgesellschaft mit Platz für 11000 Container, erst im vergangenen Herbst in Dienst gestellt. In der Nacht hatten Kräne Nähmaschinen, Zahnbürsten, Digitalthermometer und Fußmassagegeräte an Bord gehoben. Unter Flutlicht wurde noch einmal das große, geschäftige Schauspiel Globalisierung aufgeführt.

Viele Jahre ist Feirer die östliche Welthälfte abgefahren, Hamburg, Rotterdam, Malta, Sues, Singapur, Hongkong, Dalian, Hongkong, Singapur, Sues, Malta, Rotterdam, Hamburg. Eine Endlosschleife von 26000 Seemeilen, ein Kreislauf, der immun schien gegen jeden Kollaps. Irgendwo würde es schließlich immer ein Land geben, das dem anderen Waren abkaufte.

Dietmar Feirer und die Welt – sie haben sich geirrt. An diesem Morgen ist die Jupiter nur zur Hälfte mit Containern beladen, hoch liegt sie im Wasser. Feirer weiß: Der Tiefgang eines Frachters ist ein gutes Konjunkturbarometer, an ihm lassen sich Handelsbilanzen ganzer Kontinente ablesen. In der chinesischen Küstenprovinz Guangdong, die eben vom Radar verschwunden ist, sind 60000 Fabriken geschlossen worden.

"Da", sagt Feirer plötzlich und zeigt zum Horizont, "da ist sie auch, die Rezession." Dort, wo sich China in unzähligen Inseln endgültig ans Meer verliert, schweben Silhouetten auf dem Wasser. Sie waren noch nicht da, als Feirer das letzte Mal vorbeigekommen ist. 40, vielleicht 50 Schiffe liegen da vor Anker. Frachter ohne Fracht. Hoch ragen ihre Wulstbuge aus dem Wasser, rot und rund wie Säufernasen. Auf der ganzen Welt warten schon 500 Schiffe auf Ladung, in der Straße von Singapur, zwischen den Inseln der Philippinen, in der Geltinger Bucht. Feirer kann sich vom Anblick der leeren Schiffsleiber kaum lösen. "Ich verstehe nicht, wie ein paar Banken das anrichten konnten", sagt er, "mit einem Schlag steht die Welt still."

26 Mann sind an Bord, sieben Deutsche, 19 Filipinos. Die Reeder schätzen sie als billige, genügsame Seeleute. Oben auf der Crewliste steht Dietmar Feirer, der Kapitän, geboren 1949 in Sachsen. Unten Ronald Pilaspilas, der Maschinist, geboren 1960 auf der Insel Luzon, Philippinen. Dazwischen Namen wie Kielmann und Coronado, Dehde und Dicdican, Majstrenko und Martinez. Wortlos im Umgang manchmal, aber verbunden durch das Wissen, dass dieses Schiff sie trägt.

Ronald Pilaspilas erzählt in seiner Kammer auf Deck C in gebrochenem Englisch davon, wie er "simple life" gegen "good payment" tauschte. Er ist ein schüchterner Mann, der nur spricht, wenn man ihn fragt. Nach seinen Kindern, seiner Frau, seiner Existenz an Land, die er auf dem Meer zu sichern versucht.

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200 Millionen Männer und Frauen haben ihre Familien verlassen – um für ihre Familien zu sorgen. Nie zuvor in der Geschichte waren so viele Menschen unterwegs, ohne von Kriegen oder Hungersnöten getrieben zu sein. Das Bruttoinlandsprodukt des Staates Tadschikistan besteht zur Hälfte aus den Überweisungen seiner Arbeitsmigranten. Jeder zweite erwachsene Moldawier arbeitet im Ausland. Eine Völkerwanderung, die man Globalisierung nannte. Diese 200 Millionen Menschen arbeiten als Gärtner in den USA, als Putzfrauen in Saudi-Arabien, als Krankenschwestern in England, als Bauarbeiter in Dubai, als Maschinisten auf der Jupiter. Allein acht Millionen Filipinos sind ins Ausland gegangen. In Griechenland werden Kindermädchen generell Filipineza genannt.

Mehr als 300 Milliarden US-Dollar überweisen diese Arbeitsmigranten Jahr für Jahr in ihre Heimatländer. Das ist fast dreimal so viel, wie die reichen Staaten für Entwicklungshilfe ausgeben. Der Kampf gegen die Armut wird von den Armen selbst geführt.

Der Maschinist Pilaspilas verdient 1500 Dollar im Monat, einen großen Teil davon überweist die Reederei gleich an seine Frau auf den Philippinen. Er lernte sie in Hongkong kennen, ein Matrose auf Landgang traf ein Kindermädchen an dessen freiem Abend. Wenn Pilaspilas mit seiner Frau telefoniert, ist seine erste Frage immer: "Ist alles in Ordnung?" Dann will er wissen: "Ist das Geld angekommen?"

Es geht in diesen Tagen nach Süden, vorbei an Vietnam und Malaysia nach Singapur. Kapitän Feirer führt Schiff und Crew mit väterlicher Strenge, die Uniform gut gebügelt, den Rücken durchgedrückt. Die Jahre auf See haben seine Sätze kurz gemacht. "Ich kann nichts daran ändern" ist sein liebster.

Feirer wurde in die junge DDR geboren, er heuerte bei der VEB Deutsche Seereederei Rostock an und fuhr mit Kühlschiffen nach Südamerika. Der Staat kollabierte, die Mauer fiel, aber eines blieb immer gleich: Ein Schiff schien ein sicherer Ort zu sein, ein opportunistischer sogar. Es schwamm immer mit dem Handelsstrom, immer obenauf.

Feirer wurde Profiteur eines Booms, der sich selbst Schwung zu geben schien, ein Perpetuum mobile der Ökonomie. Von dem Jahr 2000 an verdoppelte sich der Wert der international gehandelten Güter, fast all diese Güter wurden auf See transportiert. Die Reedereien stritten um Bauplätze in koreanischen Werften, sie handelten mit Bauoptionen wie mit Aktien. Ein Schiff war jetzt ein Spekulationsobjekt. Die Jupiter gehört der Münchner Conti GmbH, einem Emissionshaus für Schiffsbeteiligungen. 2900 Investoren aus ganz Deutschland haben sich an ihr beteiligt. Ärzte und Anwälte, Beamte und Angestellte, der deutsche Jedermann. Die Frachter, die Feirer fuhr, wurden immer schneller.

Jetzt bieten die Reeder den Werften dreistellige Millionensummen, um ihre Aufträge stornieren zu können. In Korea ist seit einem halben Jahr kein einziges Schiff mehr bestellt worden. Feirer hat die Anweisung erhalten, die Jupiter so langsam wie möglich zu fahren. Maersk, der größte Reeder der Welt, schickt einige seiner Schiffe nicht mehr durch den Sueskanal, sondern um das Kap der Guten Hoffnung, um die Ankunft im nächsten Hafen hinauszuzögern.

Im Maschinenraum der Jupiter kämpft Ronald Pilaspilas darum, dass die Maschine mit nur 83 Umdrehungen läuft. Auf der Brücke sagt Kapitän Feirer: "Weniger geht nicht." Die Welt hat ihn zur Langsamkeit gezwungen. Aber er ist noch immer schneller als die leeren Schiffe auf Reede. Je weniger Frachter fahren, desto mehr vom Rest bleibt übrig für ihn. Das sagt Feirer ein paarmal auf dieser Reise. Die Ladung, die der Konkurrent nicht fährt, fährt er.

"Ich kann nichts daran ändern."

Die Deutsche Welle meldet, dass ein Herr zu Guttenberg gerade versucht, Opel zu retten. Als Feirer das letzte Mal in Deutschland war, hieß der Wirtschaftsminister noch Michael Glos. Feirer fährt mit der Jupiter den Nachrichten schon hinterher. Er hat die Vergangenheit an Bord, Waren aus Fabriken, die nicht mehr existieren.

Feirer hat den Eindruck, dass er die Gegenwart nacharbeiten muss, wenn er das nächste Mal zu Hause sein wird. Ist es denkbar, dass der Kapitalismus nicht überleben wird? Dietmar Feirer hat sich vorgenommen, dieses Buch mit dem blauen Einband aus dem Schrank zu nehmen, das er fast vergessen hatte, Das Kapital von Karl Marx.

In Feirers Heimat Sachsen melden die Forstämter, dass aus den Wäldern immer mehr Brennholz gestohlen wird. Die Zahl der ausgesetzten Tiere in Amerika hat sich innerhalb von vier Monaten verdoppelt. Sieben afrikanische Staaten stehen vor dem Bankrott. In den USA lassen Manager des maroden Versicherungskonzerns AIG ihre Häuser bewachen, vor der Firmenzentrale patrouillieren Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren. Das russische Nachrichtenmagazin Russkij Reporter berichtet, dass die Produktion gepanzerter Wasserwerfer stark steigt. Die Europäische Union richtet eine Beobachtungsstelle für innere Unruhen ein. In China werden 3000 leitende Polizeibeamte darin geschult, Volksaufstände abzuwehren. Die Krise scheint überall zu sein. Es sieht so aus, als könne sie jeden treffen – Erdbeerbauern und Hilfsarbeiter, Reeder und Schiffsmaschinisten, Arbeit und Kapital. Jetzt könnte die große Stunde der Rückbesinnung beginnen, die Zeit der Solidarität.

Es sind noch zwei Wochen, bis ein Hehler die Nachricht bringt, wie es mit dem Leben des Vietnamesen Hoai Nam weitergeht. Gelingt es dem Hehler, ein Visum zu beschaffen und es in den grünen Pass mit dem goldenen Wappen zu kleben, darf der Vietnamese in der tschechischen Kleinstadt bei Pilsen bleiben. Wenn der Hehler das Visum nicht besorgen kann, dann wird der Vietnamese Hoai Nam in seinem Zimmer im Hostel den Metallspind mit der Nummer 179 ausräumen, seine Jeans und die CDs in den Rollkoffer packen, die Tür hinter sich zuziehen, abschließen und den Schlüssel einwerfen. Danach wird er zum Bahnhof laufen, eine Fahrkarte nach Teplice lösen, seinen Cousin anrufen und versuchen, unsichtbar zu werden. Er wird untertauchen müssen. Er wird vielleicht den Hehler verfluchen, aber der Hehler wird die Schuld den Behörden geben, dem tschechischen Staat, und am Ende wird die Schuld bei einem Mann landen, der von sich behauptet, er habe bloß seine Arbeit getan: bei Tomas Haisman, dem Chef der Ausländerbehörde in Prag.

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Haisman sitzt in seinem Büro und spricht mit tiefer, ruhiger Stimme. Die Falten zwischen seinen Augenbrauen sind tief wie Münzschlitze, er muss sehr viel nachgedacht haben in seinem Leben. Tomas Haisman sagt, die Krise habe sein Land verändert. Dass die Krise auch ihn verändert hat, sagt er nicht.

Die Marktwirtschaft ohne Adjektive, der bedingungslose Kapitalismus, den der tschechische Staatspräsident in den Jahren des Aufschwungs beschwor, machte den 57-jährigen Haisman zu einem hilfsbereiten Portier, der ausländische Arbeiter ins Land bat. Es entstanden Tausende Arbeitsagenturen, die Ausländern problemlos Visa beschafften. Das meiste Geld mussten die Vietnamesen für ihr Visum zahlen, bis zu 12000 Dollar.

Es gab Agenten, die Beamte in Behörden bestachen und bekamen, was sie wollten: gültige Arbeitspapiere. Es gab Vermittler, die den Einwanderern schäbige Unterkünfte beschafften, für die sich keine Behörde interessierte. Die Schattenwirtschaft wucherte, jeder hatte seinen Profit. Damals. Gerade mal ein halbes Jahr ist das her. "Wir hatten zwei Möglichkeiten", sagt Haisman, "ein langsames Wachstum oder ein schnelles rücksichtsloses, für das wir eine Menge Ausländer brauchten." Ein Sklavenmarkt sei entstanden, "aber wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen. Die, die so viel Geld genommen haben, sind schuld."

Früher wurden Waren verteilt, jetzt ist es die Schuld. Aber wem hilft es, Schuldige zu finden? Wen soll man schon verantwortlich machen? Im Dezember erhängte sich ein Vietnamese in Prag, dessen Visum nicht verlängert wurde. Im Januar brachte sich ein Mongole um. Im März sprang ein Vietnamese in der Stadt Mladá Boleslav aus dem Fenster und starb. Er hatte seine Arbeit im Škoda-Werk verloren. Eine Ukrainerin, die abgeschoben werden soll, hat angekündigt, sich vor dem Eingang des Innenministeriums zu töten. Fünf Stockwerke darüber liegt Haismans Büro.

Sein Boss, der Innenminister, hat angeordnet, dass möglichst viele Ausländer möglichst schnell das Land verlassen müssen, und Haisman trifft sich alle zwei Tage mit dem Chef der tschechischen Fremdenpolizei, um das Vorgehen zu besprechen. Ein paarmal setzt er sich mit dem Botschafter Vietnams zusammen. "Könnte man die Arbeitslosen nicht umschulen statt heimschicken?", will der Botschafter wissen. "Wer soll das bezahlen?", fragt Haisman. "Ihr", antwortet der Botschafter.

Haisman hat ein billigeres Programm entworfen: 500 Euro Prämie für jeden, der geht. Dazu ein kostenloser Rückflug. "Das ist der erste Teil der Lösung", sagt er.

Der zweite Teil wird jeden Abend im Fernsehen ausgestrahlt. Haismans Chef, der Innenminister, spricht dort von einer "Gefahr" durch arbeitslose Ausländer, von "organisierter Kriminalität" und von "Drogenhandel". Polizisten in schwarzen Uniformen stürmen Wohnungen, in denen Ukrainer und Vietnamesen leben, kontrollieren Papiere. Merkwürdig, dass immer ein Kamerateam des Staatsfernsehens CT1 dabei ist, wenn gerade eine Razzia läuft. Es entstehen Bilder, die als Botschaft verstanden werden. Nein, sagt Haisman, davon wisse er nichts. "Ich arbeite weder bei der Polizei noch beim Fernsehen. Ich habe keinen Einfluss darauf, was die tun." Der freundliche Portier der Republik Tschechien hat sich in einen Rausschmeißer verwandelt, der jetzt rechnen muss: 900 Ausländer sind schon weg. 70000 Menschen werden vermutlich in diesem Jahr das Land verlassen müssen, weil Tschechien ihre Visa auslaufen lässt, und Haisman steckt in einem Dilemma.

Seit 16 Jahren sind Einwanderer sein Thema, fast so lange, wie es die Tschechische Republik gibt. Haisman ist kein Feind der Ausländer. Eigentlich will er nicht so handeln, wie er jetzt handeln muss. Ihm fehlen die Worte, die zu seiner neuen Politik passen, Worte für das Rückwärts. Es ist doch so lange nur vorwärtsgegangen. Tomas Haisman sagt: "Ich bin froh, dass wir 900 Menschen in einer neuen Situation bei ihrem neuen Leben helfen."

Die Weltorganisation der Arbeit, die International Labour Organization in Genf, sagt weitere 50 Millionen Arbeitslose in diesem Jahr voraus, hat aber selber mehr zu tun als je zuvor. Die Verkaufszahlen des Kapitals von Karl Marx haben sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt. Ein dänischer Unternehmer hat seinen Mitarbeitern verboten, während der Kaffeepausen über die Rezession zu reden; aus den ausliegenden Zeitungen schneidet er alle Artikel über die Krise aus und wirft sie weg. An der Grenze zwischen Arizona und Mexiko warten Reporter der Los Angeles Times eine Woche lang auf Auswanderer, die jetzt noch in die USA wollen, aber niemand kommt. In Russland haben Zehntausende Arbeiter aus den zentralasiatischen Ländern Usbekistan, Kirgistan, Tadschikistan und Turkmenistan ihre Jobs verloren. Im Flughafen von Manila auf den Philippinen ist die Warteschlange der Einreisenden erstmals länger als die der Ausreisenden. Eine Völkerwanderung hat die Richtung gewechselt.

Es sind noch sieben Tage, bis ihn ein Flugzeug zurück nach Dhaka bringen wird, zurück nach Bangladesch. Suman Sarkar läuft durch Singapur, fast rennt er durch die Serangoon Road im Stadtteil Little India, barfuß über heißen Stein, vorbei an Gemüsehändlern, Garküchen und Bordstein-Bars. Nicht stehen bleiben, nicht ansprechen lassen, flüstert er in atemlosem Englisch, "punishment", "punishment".

Suman Sarkar, 28 Jahre alt, sucht einen Platz, an dem er seine Geschichte erzählen kann. Doch Singapur, die Stadt, von der er sich so viel versprach, ist zu seinem Feind geworden, ihre Gesetze sind seine Gegner: Sobald hier mehr als drei Menschen über Politik und Wirtschaft debattieren, machen sie sich strafbar. Und derzeit ist in Suman Sarkars Leben alles Wirtschaft, alles Politik.

Der Mann, der durch die Straßen dieser reichen Stadt huscht, wirkt fast so schmächtig wie ein Mädchen. Vor einer Woche noch arbeitete er in einer Werft am Hafen. Dann wurde ihm gekündigt und der Pass genommen. Am Flughafen wird er ihn zurückbekommen, bei seiner Vertreibung aus dem Paradies.

"Singapore was paradise", so sagt er das, ganz weich.

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Singapur. Wie ehrfürchtig hat Sarkar diesen Namen ausgesprochen, daheim bei seinen Eltern in Munsigong, im Kreise seiner fünf Geschwister. Er war der Älteste, er würde gehen. Nach Singapur. Die Stadt liegt wie ein Versprechen im Südosten Asiens. Auf den Straßen nur Männer, die Krawatten tragen. Singapurs Privatbanken horten das Geld der reichsten Asiaten zwischen Shanghai und Riad, die Bevölkerung ist eine Mischung aus Chinesen, Malaysiern, Indern, ergänzt um ein paar Tausend Banker und Glücksritter aus dem Westen.

Singapur, die globale Stadt, wird geführt wie ein Konzern. Hier sind ein Einparteienstaat und der Kapitalismus eine bedingungslose Ehe eingegangen: Einkaufszentren, groß wie Kathedralen, sind die Solitäre dieser Stadt. Jeder zehnte Haushalt ist in Besitz von mindestens einer Million Dollar Bargeld, so viele Reiche auf so engem Raum gibt es nirgends sonst auf der Welt. Und nirgends sonst werden, gemessen an der Einwohnerzahl, so viele Todesurteile vollstreckt. Wachstum gegen Gefolgschaft, Wohlstand gegen Gehorsam.

Suman Sarkar wollte teilhaben am Reichtum, und 4000 Dollar wollte der Agent in Bangladesch, der ihm dafür eine Work Permit Card besorgte. Die Eintrittskarte für Singapur, ganz legal. Das war im Juni 2008.

Also verkaufte Suman Sarkars Vater sein ganzes Land.

Sarkar erzählt davon mit gesenktem Blick, im Schatten eines kleinen Parks, in dem die Vögel schreien. 4000 Dollar. Aber Singapur hatte viele "3-D-Jobs" zu vergeben, wie sie hier heißen, dirty, difficult und dangerous .

Sarkar stieg morgens auf die Ladefläche eines Lasters, der ihn mit anderen dunkelhäutigen Arbeitern zur Werft brachte. Er gehörte nun zum Wartungspersonal der Weltwirtschaft, er war jetzt Schweißer. Er schlief mit 120 anderen Männern in einem Saal irgendwo in diesem Meer von Häusern. Er war Teil eines Systems geworden, in dem selbst die Ausgebeuteten noch Gewinner waren.

Dann kamen keine Schiffe mehr.

Sarkar hatte nicht mitbekommen, dass die Zeitungen Singapur einen "Seismografen" nannten, zu eng mit der Weltwirtschaft verknüpft. Sarkar sah nur, dass immer weniger Schiffe draußen auf dem Meer noch fuhren – und dass immer mehr standen.

Die Veränderung drang bis in die umzäunten Siedlungen der Reichen, die Lucky Tower, Parkview und Cosmopolitan heißen. Sarkar hatte sie nur vom Lastwagen aus gesehen. Woche für Woche werden dort zwischen Palmen und Pools sentimentale Abschiedsfeste gegeben. Auf diesen Partys erzählen Manager, wie ihr Arbeitsleben endet: Auf ihren Blackberrys erlöschen die Displays.

In den Foyers der Wohnanlagen hängen Verkaufsanzeigen für teure Autos. Die Indische Schule in Singapur hat ein Fünftel ihrer Schüler verloren, die Koreanische ein Drittel. Die Trainer in den Fitnessstudios haben wieder Privatstunden frei. Die Zeitungen sind voller Annoncen arbeitssuchender Kindermädchen aus Myanmar und Indonesien, "Rückgaberecht garantiert". Und im Einkaufszentrum Golden Mile Tower hat das Marriage-Büro geschlossen, eine Heiratsvermittlung, in der sich reiche Singapurer junge Bräute aus Vietnam bestellten. Im Schaufenster verblasst der Satz: Arrangement for you to Viet Nam, hundreds of beauties over there. Es ist jetzt nicht die Zeit für Brautschauen. Wohnungen stehen leer, Arbeiter ohne Arbeit müssen gehen. Singapur will keine Schwachen. Schwache schwächen nur.

Bald werden die Männer von den UTR Services kommen und Suman Sarkar aus seinem Schlafsaal holen. UTR Services, das klingt so harmlos wie ein Paketdienst, doch es ist eine Abschiebefirma. Selbst dieses Business hat Singapur privatisiert. Werden Bangladescher ausgeflogen, kommt UTR mit einem Trupp von Indern. Werden Inder ausgeflogen, kommt ein Trupp von Indonesiern. Werden Indonesier ausgeflogen, kommt ein Trupp von Bangladescher. Die globale Stadt zerfällt in Nationalitäten.

Suman Sarkar wird von den Sicherheitsleuten bis ans Gate im Flughafen von Singapur begleitet. Sein Flug nach Dhaka geht um 5.55 Uhr.

Sechseinhalb Monate nach dem Zusammenbruch der Lehman-Bank in Amerika kehren Arme in die Armut zurück, schließen sich Grenzen. Vietnam hat ein pauschales Einreiseverbot für Nigerianer erlassen. Aus Bangladesch werden Morde gemeldet: Rückkehrer gerieten mit ihren früheren Vermittlern in Streit. In den Pools verlassener Villen in den USA vermehren sich Stechmücken, die das West-Nil-Virus übertragen. Usbekistan legt einen Vorrat von 25000 Tonnen Lebensmitteln an, Kartoffeln, Reis, Mehl.

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Es sind noch vier Wochen, bis Sergey Fedorev weiß, ob sein Leben auf ukrainische Äcker gehört, in sein Heimatdorf Ulashkivtsy, durch das nur diese eine löchrige Asphaltstraße führt. Auf ihr brach Sergey Fedorev vor neun Jahren auf, seine Frau und die Töchter begleiteten ihn zum Bus. Auf dieser Straße ist er jetzt zurückgekommen, 39 Jahre alt, das Haar grauer, die Augen müder.

Die Landschaft seiner Kindheit liegt in milchigem Licht, das alle Farben bleicht, sogar das Grün der Tannen. Mit schweren Stiefeln stapft Sergey über den Hof, der Schnee hat alles aufgeweicht. Bei jedem Schritt schmatzt der schlammige Boden und gibt nur unwillig die Schuhe wieder frei. Die Luft riecht nach Feuerholz und nasser Erde. Die Kaninchen im Stall sind unruhig, wollen Futter.

Ein Vater ist heimgekehrt, zu seiner Frau und den beiden Töchtern – der kräftigen, fröhlichen Natalka und ihrer hageren, ruhigen Schwester Chrystyna. Natalka ist elf, sie füllt das Haus mit ihrem Frohsinn, seit der Vater wieder da ist. Sie klammert sich an seine Hand, zerrt an seinem Arm, schmiegt sich an seinen Hals. Ihrer Anhänglichkeit kann sich der Vater nicht entziehen. Seit einer Ewigkeit sind die Eltern verheiratet, nur wenige Jahre lebten sie unter einem Dach. Als Sergeys Frau schwer krank war, pflegte er sie. Kaum ging es ihr besser, machte er sich auf, erst nach Italien, später nach Polen. Er arbeitete auf Feldern und auf dem Bau, sie erzog die Kinder. Sie nahm es so hin, obwohl die Tage mühsam waren, ihr rechter Arm war gelähmt.

An Wochenenden hatte sie die Zeitung nach Kleinanzeigen durchgesehen. "Komm heim, Sergey", sagte sie am Telefon, "ich habe Arbeit für dich gefunden, hier im Dorf." – "Wie viel zahlen sie?", fragte er. Sie nannte Zahlen und wusste, Sergey würde nicht kommen. Gegen die hohen Löhne am anderen Ende der Welt kam sie nicht an.

Was Sergeys Frau nicht gelang, hat diese verdammte Krise geschafft.

Sergey hatte in La Spezia einen Kran geführt, in Kiew Häuser gebaut, in Polen Tannenbäume gepflanzt, bis ihn der Besitzer der Baumschule plötzlich nicht mehr bezahlen konnte. Selbst Bäume gehen nicht mehr.

Jetzt läuft Sergey jeden Morgen zu seinem Bruder, an seiner Hand die kleine Natalka, vorbei am Fußballplatz und über den Fluss Seret, der zu einem Strom aus Tauwasser angeschwollen ist. Noch ein paar Schritte, dann öffnet er die Tür seines Treibhauses. Kohl hat er gepflanzt, kleine Setzlinge. Sobald die Sonne mehr Kraft hat, wird er die Pflanzen auf die Felder bringen.

Die Tochter lässt Sergeys Hand nicht los, nicht hier im Treibhaus, nicht zu Hause, nicht in der Kirche. "Da", sagt Sergey und zeigt auf sein Dorf, "die da sind damals auch nach Italien gegangen, wie ich. Die nach Belgien. Der ist in Amerika, der kommt auch bald zurück."

Eine Armbewegung nur, sechs Häuser, sechs Familien, die vom Vater, von der Mutter oder von beiden verlassen wurden. Jeder Zweite ging fort, ein Waisendorf entstand in der Westukraine. Jetzt haben Väter und Mütter keine Arbeit mehr, aber Töchter und Söhne haben wieder Eltern. Und Natalka gießt mit ihrem Vater den Kohl.

Ist es Glück, dass er im Sommer wieder im Fluss angeln und Fische grillen kann? Dass er den Kindern beim Toben zusehen kann? Sergey und die anderen verpassten die ersten Worte ihrer Kinder, die ersten Schritte. Diese Momente kann er nicht zurückholen. Woraus könnte dann sein Glück bestehen?

Der Mai wird eine Antwort geben. Im Mai werden Sergeys Setzlinge zu Kohlköpfen. Kohl hat im Dorf jeder, aber niemand hat ein Treibhaus. Sergeys Kohl wächst schneller, und keiner hat davon so viel wie er. Es muss jetzt nur warm werden und genug regnen. Dann wäre er gerettet, dieser Sergey, ehemals Kranführer in La Spezia, ehemals Bauarbeiter in Kiew, dieser Sergey Fedorov, von einer abrupt gebremsten Welt zurückgeworfen auf den Acker.

Sollte der Kohl ihn im Stich lassen, wird er nachts wieder neben seiner Frau liegen, und er wird dann überlegen, was er tun könnte. Sergey Fedorov würde wieder aufbrechen. Nur wohin diesmal?

Mitarbeit: Kathrin Kirstein, Tiemo Rink