Wenn Wolfgang Gerhardt morgens in sein Bundestagsbüro kommt, dann ist die Frau mit dem schwarzen Kleid und den Lockenwicklern im Haar schon da. Sie ist hübsch zurechtgemacht, nur die Lockenwickler müssen noch raus. So sitzt sie dort, tagein, tagaus, und hält sich bereit, ausgeführt zu werden. Die fast ausgehfertige Frau ist Teil der Kunst, mit der Gerhardt sein Berliner Büro schmückt, Heike Mix hat die Künstlerin die lebensgroße Skulptur genannt. Sie könnte aber auch "FDP 2009" heißen, so sehr verkörpert sie die Situation der Partei. Die Liberalen haben sich zurechtgemacht fürs Regieren: Sie haben Landtagswahlen in Serie gewonnen, und bei den Umfragen auf Bundesebene erreichen sie historische Rekordwerte. Nur, um die Lockenwickler rauszunehmen, ist es noch zu früh.

Seit der Gründung der Bundesrepublik hat keine Partei so viele Jahre in der Regierung zugebracht wie die FDP – und keine Partei hat in dieser Zeit so viel Häme auf sich gezogen. Sie ist die Partei der Mehrheitsbeschaffer, der Umfaller, der Besserverdienenden gewesen. Sie ist Klientelpartei, Pünktchenpartei und Spaßpartei genannt worden. Nun hat die FDP elf Jahre Opposition hinter sich. Oppositionsjahre können für eine Partei eine Zeit der Besinnung, der Erneuerung sein. Bei der FDP scheinen sie eine Zeit der Reduktion gewesen zu sein. Einer Reduktion auf die Person Guido Westerwelle und das Thema Steuersenkungen. Und so ist auch das aktuelle Wahlprogramm "vor allem eine Zusammenfassung des üblichen Wirtschaftsliberalalas", wie ein FDP-Bundestagsabgeordneter sagt. Steuerreform, Bürgergeld, Lockerung des Kündigungsschutzes.

Den Nachwuchs eint, was einer das "Helga-Loepp-Trauma" nennt

Doch die FDP ist mehr als nur ein Hort des Immergleichen, sie kann auch erfrischend, nachdenklich und manchmal sogar ein wenig überraschend sein. Je nachdem, wo man ihr begegnet. In dem Büro des Düsseldorfer Landtags wirkt sie auf den ersten Blick minimalistisch. Es gibt kein Papier, keine Zettel, nur ein aufgeklappter Laptop steht auf dem Schreibtisch. "Bei mir wird alles weggepe-de-eft", sagt Christian Lindner, seit 2000 Landtagsabgeordneter, seit 2004 Generalsekretär der FDP in NRW und 30 Jahre jung. "Weggepe-de-eft" bedeutet, dass Lindner seine Unterlagen elektronisch verwaltet. Und doch hat er vor Kurzem eine Menge Papier produziert. Zusammen mit seinem Parteikollegen Philipp Rösler, Niedersachsens Wirtschaftsminister, hat er ein 366 Seiten dickes Buch herausgegeben. Unter dem Titel Freiheit: gefühlt – gedacht – gelebt versucht sich da die junge FDP-Generation an einer sozialverträglichen Interpretation von Liberalismus. Sie nennen sich die 94er, nach dem Jahr, in dem die meisten von ihnen in die FDP eingetreten sind. Und sie eint, was Christian Lindner das "Helga-Loepp-Trauma" nennt.

1994 war die FDP vor der CDU endgültig in die Knie gegangen, war sich nicht zu schade für den Slogan "FDP wählen, damit Kohl bleibt". Damals hat Lindner am FDP-Wahlkampfstand in Wermelskirchen geholfen. Doch die Leute wollten seine Flyer nicht, selbst die blau-gelben Plastikkugelschreiber nahmen sie nicht an. Da ist Helga Loepp vom CDU-Stand gegenüber gekommen und hat Lindner einen CDU-Pappbecher mit CDU-Kaffee und einen mitleidigen Blick geschenkt.

Freiheit für die Partei der Freiheitsverfechter – das ist es, was Lindner und die 94er antreibt. So soll ihr Buch Wegweiser für eine Politik der Eigenständigkeit sein. Denn die Herausforderung, vor der die FDP steht, ist, Unabhängigkeit von der Union zu demonstrieren und sich gleichzeitig zu ihr als Koalitionspartner zu bekennen. Jürgen W. Möllemann hat Christian Lindner den Namen "Bambi" gegeben. Hans-Dietrich Genscher hat über Lindner gesagt, wenn er Reden halte, sehe er aus wie Wladimir Putin. Im Gespräch wirkt Lindner weder scheu wie ein Reh noch autokratisch wie ein russischer Machthaber. Er präsentiert sich mit einer klaren Vorstellung, wie die FDP sein soll: eine Partei, die für Fairness eintritt. Mit Fairness meint er, "allen in dieser Gesellschaft möglichst viele Lebenschancen zu eröffnen". Zum Beispiel in einem Bildungssystem, in dem frühkindliche Förderung nicht mit der Einführung eines Vorschuljahrs abgetan wird; das Paten für Jugendliche bereitstellt, die eine "Zuwanderungsgeschichte" haben. Lindner will mit neuen Begriffen politische Themen besetzen, die über das Wirtschaftsliberale hinausgehen: "Steuern runter, Arbeit rauf, so ein Satz taugt höchstens noch als Applausstelle bei einer Parteitagsrede." Nun ja, in der FDP-Zentrale benutzen sie diesen Satz für die Telefonwarteschleife, unterlegt mit der Melodie des Abba-Songs Money, Money, Money.

Auch wenn die 94er sich als "Westerwelles Prätorianergarde" bezeichnen, zählen sie zu seinen Kritikern. Zu deutlich betonen sie im Vorwort ihres Buchs, dass es Westerwelles Verdienst gewesen sei, der FDP mit dem Wiesbadener Grundsatzprogramm von 1997 ein Profil gegeben zu haben, um dann in ihren Beiträgen die Mängel des Programms herauszuarbeiten. "Westerwelle und Steuersenkungen sind eine tolle Schaufensterdekoration. Aber auch im Laden muss das Angebot stimmen", sagt Lindner.