DIE ZEIT: Herr Gil, Sie sind Auftragspilger. Man kann Sie mieten, wenn man nicht selbst die Strapazen einer Wallfahrt nach Fatima oder Santiago de Compostela auf sich nehmen will. Führt das nicht den Gedanken des Pilgerns ad absurdum?

Carlos Gil: Nein, warum sollte es?

ZEIT: Eine Pilgerreise ist doch eine sehr persönliche Sache. Es geht um Reinigung, um Selbsterfahrung.

Gil: Den Einwand mit der Selbsterfahrung höre ich oft – wenn ich mich mit Pilgern aus Nordeuropa und Amerika unterhalte. Portugiesen ist dieser Gedanke fremd. Für uns ist das Pilgern ganz einfach das Überwinden einer Strecke, an deren Ende wir Gott um etwas bitten. Warum sollte man das nicht delegieren können? Glückwunschkarten an Freunde lässt man doch auch von einem Briefträger transportierten.

ZEIT: Wer bucht Sie denn? Menschen, die zu faul zum Laufen sind?

Gil: Nein. Meine Auftraggeber haben gute Gründe, mich zu schicken. Wie soll etwa ein Mann, der Krebs im Endstadium hat und sich kaum in seiner Wohnung bewegen kann, nach Fatima gelangen? Es sind aber auch Geschäftsleute dabei, die einfach keine Zeit haben. Das respektiere ich. Wer will, kann mir seine Gründe schildern, ich bestehe aber nicht darauf.

ZEIT: Welche Orte haben Sie im Angebot?

Gil: In der Regel laufe ich zweimal pro Jahr nach Fatima, wo drei Hirtenkindern die Jungfrau Maria erschienen ist. Der Ort ist für mich der Altar der Welt. Ich unternehme aber auch Touren nach Santiago de Compostela, manchmal mit dem Pferd. Auch im Marienwallfahrtsort Muxima in Angola und in Machu Picchu, dem heiligen Ort der Inka in Peru, bin ich schon gewesen.

ZEIT: Wie reist man als Pilgerprofi?

Gil: Mit Regenmantel, Stock und einem Schlafsack. Meist übernachte ich am Wegesrand unter Bäumen, wie es sich für Pilger gehört. Nur manchmal gönne ich mir etwas Luxus und steige in ei nem einfachen Gasthaus ab.

ZEIT: Was machen Sie dann am Ziel?

Gil: Dort zünde ich Kerzen an, löse Gelübde ein oder spreche die Fürbitten, die meine Auftraggeber mir aufgeschrieben haben.