DIE ZEIT: Frau Pfeiffer, Sie gelten als zweitmächtigste Frau im Gesundheitswesen nach der Ministerin Ulla Schmidt. Hat Ihr neuer Krankenkassen-Verband wirklich so viel zu sagen?

Doris Pfeiffer: Wir haben beispielsweise dafür gesorgt, dass die Ärzte mit rund 3,8 Milliarden Euro deutlich weniger als die geforderten 6,5 Milliarden Euro Honorarsteigerung bekommen. Und wir haben durchgesetzt, dass es deutliche Noten für Pflegeheime geben wird.

DIE ZEIT: Die Regierung wollte ein Gesicht und eine Stimme für die knapp 200 gesetzlichen Kassen. Aber jetzt machen sich die Einzelkassen zusätzlich in Berlin breit. Klingt nach mehr, nicht weniger Bürokratie.

Pfeiffer: Ach, eigene Niederlassungen in Berlin eröffnen auch viele Unternehmen, das ist ein Trend über das Gesundheitswesen hinaus. Insgesamt geht die Zahl der Kassen zurück, und zwar dramatisch: Anfang der neunziger Jahre gab es noch 1200, jetzt 196. Diese Entwicklung wird weitergehen.

DIE ZEIT: Die Krankenkassen bekommen so viel Geld wie noch nie – warum werden viele von ihnen dennoch in der zweiten Jahreshälfte Zusatzbeiträge erheben oder pleitegehen?

Pfeiffer: Die Ausgaben steigen vor allem, weil Ärzte und Kliniken mehr Geld bekommen. Die Regierung hat das zwar berücksichtigt, als sie einen Beitragssatz von 15,5 Prozent der Bruttolöhne und Renten festgelegt hat. Aber nach unseren Berechnungen decken die Einnahmen nur ungefähr 99 Prozent der Ausgaben ab. Es fehlt also Geld. Und das hat bei den einzelnen Kassen sehr unterschiedliche Folgen, weil nicht alle Rücklagen haben und weil sich ihre Verträge beispielsweise mit den Ärzten unterscheiden.

DIE ZEIT: Wie viele Versicherte werden trotz Rekordbeitrag auch noch Zusatzbeiträge bezahlen müssen?

Pfeiffer: Das Bundesversicherungsamt rechnet damit, dass in diesem Jahr etwa 20 Kassen sie erheben werden. Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln.

DIE ZEIT: Bleibt es dabei trotz Krise?

Pfeiffer: Die Wirtschaftskrise spielt kurzfristig keine Rolle. Natürlich fehlen Einnahmen, wenn die Arbeitslosigkeit steigt. Nach allem, was wir heute wissen, wird die Lücke mehr als doppelt so groß sein wie die bisher erwarteten 440 Millionen Euro. In diesem Jahr wird diese zusätzliche Differenz vom Staat ausgeglichen. Aber das müssen die Kassen 2011 zurückzahlen.