Hier beginnt das Morgen – Seite 1

Ausgerechnet Wilhelmsburg! Ausgerechnet dieses von Geschichte, Politik und Ästhetik vernachlässigte Wilhelmsburg soll die Stadt der Zukunft werden! Wilhelmsburg, ein Stadtteil im Süden Hamburgs, größte Flussinsel Europas, knapp 50.000 Einwohner, 33 Prozent Ausländer, 12 Prozent Arbeitslose, keine Logik, kein Masterplan, Narben, Schneisen, Brachen, Spitzname unter den Jugendlichen: Willyburg. Immer tiefer hat sich die Spirale sozialen Abstiegs und politischer Resignation in den Inselboden gebohrt, aus dem Arbeiter- ist ein Armutsstadtteil geworden mit hohen Ergebnissen für rechtsradikale Agitatoren. Dieses Wilhelmsburg also, der soziale Härtefall, soll zu einem Musterfall von Stadt werden.

Lange war die Insel vergessenes Niemandsland zwischen Süder- und Norderelbe, sechs S-Bahn-Minuten von der Hamburger Innenstadt entfernt, ein Archipel von zwei Dutzend einst isolierten Inselchen, auf denen seit 600 Jahren jede Epoche eine Spur hinterlassen hat: Windmühle, Reetdach, Getreidespeicher, Gründerzeitaltbau, Nachkriegshochhäuser, Hafenlogistik, Tanklager, Solarhaus. Und jetzt, in der Hypermoderne, wird just hier sieben Jahre lang die Zukunft geprobt, Willyburg, Stadtlabor.

Bestechend ist der vereinte Mut zur Utopie allein schon deswegen, weil Wilhelmsburg gegenüber der weithin seelenlos aufgestelzten HafenCity liegt – wie ein Statement der wahren Welt gegen das aseptische Luxusquartier mit seinen exaltierten Symbolbauten einer vermeintlichen Architekturavantgarde. Anders als in der HafenCity gibt es in Wilhelmsburg keine Waben fürs internationale Wohlstandsbürgertum. Hier gibt es allein die ehrliche Arbeit am Bestehenden. Hier baut man radikal ortsbezogen, im organischen Zusammenhang mit der Bevölkerung, von und an der Quelle. Ambitionierteres als diese organisierte Metamorphose des Bestehenden kann sich dieser Tage kein Urbanist vornehmen.

Wie baut man eine Stadt, die dem Klimawandel vorbeugt?

Am Ende der Operation am offenen Leib wird man nicht allzu viel Spektakuläres sehen, aber alle Bedrohungen, Risiken und Chancen der Stadt von morgen werden in dieser Simulation einer Miniaturmetropole verhandelt. Wie wird das urbane Leben wieder attraktiv? Wie lassen sich Migranten integrieren? Wie begegnen wir dem Klimawandel und der Verknappung der Rohstoffe? Um diese und viele andere Fragen geht es in Wilhelmsburg. Es geht um eine linke Utopie, um das Leitbild für eine veränderte Gesellschaft.

Insgesamt 100 Millionen Euro stellt der Hamburger Senat für die große Vision vom "Sprung über die Elbe" zur Verfügung, den Rest steuern entweder Investoren bei oder müssen die Stadtplaner der Internationalen Bauausstellung IBA – eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Freien und Hansestadt Hamburg – über Kooperationen mit der Privatwirtschaft eintreiben. Nichts weniger als halb Wilhelmsburg soll neu arrangiert werden: eine "neue Mitte" geschaffen, brachiale Nord-Süd-Achsen durch Ost-West-Schneisen aufgebrochen, Schnellstraßen und Autobahnen ausgehoben, "Bruchkanten" verlegt, Trassen eliminiert, die 14 Meter breite, prädominante Reichsstraße auf die Eisenbahntrasse gehievt sowie Wilhelmsburg ans Wasser herangeführt werden. Wenn sich Einwände und Einsprüche von Parteien, Behörden, Ämtern, Bürgern und Beamten im Zaum halten, kann die große Welt im Jahr 2013 im Rahmen der Internationalen Gartenschau in Hamburg-Wilhelmsburg studieren, wie ihre Zukunft aussieht.

Eines der eindrücklichsten unter den insgesamt 36 Modellprojekten der IBA nennt sich "Weltquartier". Noch ist dieses Quartier eine seit Langem sanierungsbedürftige, in den dreißiger Jahren für Arbeiter der Howaldt-Werften erbaute Kleinsiedlung mit 830 Genossenschaftswohnungen, in denen vor allem Migranten auf engem Raum zusammenleben. Wenn die Operation abgeschlossen ist, soll das Quartier das soziale Ideal weltgesellschaftlicher Nachbarschaft verkörpern. Mehr als die Hälfte der Mieter wird in Kürze in eine der 100000 SAGA-Wohnungen in Hamburg umquartiert, um den Grundriss der Häuser verändern zu können. Nach Ende des Umbaus im Jahr 2013 werden alle Wohnungen komplett wärmegedämmt sein, und wenn die "Weltbevölkerung" wieder nach Wilhelmsburg zurückkehrt, soll der Einstiegsmietsatz für die Kaltmiete von 5,65 Euro netto pro Quadratmeter Sozialwohnung keinesfalls angehoben werden.

Noch ist um den Weimarer Platz herum nichts zu sehen als schrabbelige Wirklichkeit: kasernenartig angerichtete Backsteinwohneinheiten, Werkstattgaragen, zerstreute Kleinstökonomie, geflickte Straßen. Solche Siedlungen hatte der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich im Sinn, als er 1965 in seinem Vortrag über Die Unwirtlichkeit der Städte forderte, die Stadtplaner sollten "Zonen der Geborgenheit" einrichten, damit statt Gefühlen der Ausgrenzung, Entfremdung und Ignoranz wieder Heimatgefühle entstehen könnten. Wie aber organisiert man Heimat in der Fremde? Was überhaupt ist das, Heimat?

Hier beginnt das Morgen – Seite 2

Vor einiger Zeit haben sechs ausgesuchte Heimatforscher im Auftrag der IBA die einzelnen Mietparteien der Siedlung aufgesucht und nach dem emotionalen Zugang zu Heimat und Zuhause gefragt, in sieben Sprachen, auf Deutsch, Türkisch, Persisch, Französisch, Portugiesisch, Serbisch, Arabisch. Jeder Bewohner dieses verdichteten soziokulturellen Mikrokosmos konnte Wünsche äußern, die in der Sanierungsphase berücksichtigt und, wie es von IBA-Seite heißt, "in den Wettbewerb hineingespielt wurden". Als da waren: Garteninseln vor dem Balkon, Kleinkinderspielplätze, kleinteilige Zimmer, vom Wohnzimmer getrennte Küchen, Loggien, Terrassen, Balkone, ausgebaute Dächer. Überraschenderweise gab es unter den Wünschen von Menschen aus 34 Herkunftsländern kaum kulturspezifische Unterschiede. Allerdings meldeten sich nicht allzu viele Bewohner zu Wort, und ohnehin ist offen, inwieweit sich die mit Euro-Millionen und persönlichen Ambitionen ausgestatteten Stadtplaner tatsächlich von Einsprüchen und Vorstellungen einiger afrikanischer Mieter abhalten lassen. Und weiß der afghanische Vater von fünf Kindern in der Weimarer Straße eigentlich genau, was Klimafolgenmanagement für ihn bedeutet?

Beides müssen die Planer im Blick behalten: Sie wollen aus der Stadt eine Heimat machen, ohne aber die globalen Fragen und also auch die Frage nach dem Klimawandel in den Hintergrund zu drängen. Es gilt herauszufinden, wie die Metropole ihren Energiebedarf befriedigen und dennoch die natürlichen Ressourcen schonen kann. Die Insel Wilhelmsburg selbst ist das ideale Demonstrationsobjekt der These vom Wandel. Sie hat die Flutkatastrophe 1962 erfahren und wird an erster Stelle leibhaftig von Klimawandel und Anstieg des Meeresspiegels betroffen sein.

"Nachhaltigkeit" ist ein wohlfeiler Allgemeinplatz und das Ethos des Nachhaltigen zu einer fraglos plausiblen Rationalität geworden, an der kein Zukunftsarchitekt vorbeikommt. Bekanntlich müssen die wichtigsten Industrieländer bis 2050, gemessen am Niveau des Jahres 1990, ihre Treibhausemissionen um 80 Prozent reduzieren – das bedeutet Arbeit an der Selbstbeschränkung, die vor allem auf die Städte zukommt. "Unser Lebensstil", befand kürzlich Yvo de Boer, Klimachef der Vereinten Nationen, "muss sich radikal ändern."

Das ist in erster Linie eine technische Frage. Auch hier hat Wilhelmsburg Kühnes anzubieten und knüpft unter dem Namen Energiebunker verwegen an den Krieg an. Von den Nationalsozialisten im Jahr 1943 zur Luftverteidigung Hamburgs in opakem Stahlbeton 45 Meter in die Höhe gewuchtet, erstarrt der neun Stockwerke zählende, viertürmige Flakbunker im Zentrum der Insel bis heute in jenem Zustand, in dem er seit 1947 belassen wurde: ein innen vollkommen zerstörtes, seit 62 Jahren ungenutztes, scheinbar nutzloses, unfassbar hässliches und omnipräsentes Mahnmal. Wo immer man hinblickt, der Bunker ist schon da.

Über 500 Aktivisten aus zehn Bürgerinitiativen werden eingebunden

30000 Menschen hat er im Zweiten Weltkrieg beschützt, nun soll er 30000 Wilhelmsburger mit CO₂-freier Energie versorgen. Über hundert Köpfe, Architekten, Statiker, Ingenieure, Sanierungsbeiräte, Denkmalschützer und Bezirksbeamte arbeiten daran, aus dem ehemaligen Flakbunker bis zum Jahr 2013 ein wärmespeicherndes Ökokraftwerk zu machen. Auf seinem Dach soll eine 3500 Quadratmeter große Solarthermieanlage installiert und in seinem Bauch ein Biomasse-Blockheizkraftwerk eingeweidet werden.

Noch ist der rußgeschwärzte und von Moos bewanderte Betonkubus stark einsturzgefährdet; nach der Enttrümmerung in diesem Frühjahr aber werden hier 20000 Kubikmeter Wasser durch Temperaturschichtung Wärme speichern. Glückt das ingenieurtechnisch aufregende Vorhaben, stellt diese CO₂-neutrale Art der Energieproduktion pro Jahr 1100 Megawattstunden Energie durch Wärmekopplung zur Verfügung. So geht praktizierte Nachhaltigkeit: Am Ort selbst wird jene Energie erzeugt, die seine Bewohner verbrauchen – eine autarke, aus sich selbst schöpfende Kreislaufwirtschaft. Nach Überzeugung der IBA-Planer werden regenerative Energiekreisläufe, die von fossilen Stoffen unabhängig sind, die größte Herausforderung für die Gesellschaften der Zukunft sein. Eine so ungeplante wie verblüffende Pointe übrigens ist, dass die Energie des Flakbunkers exakt ausreichen könnte, um die 823 Wohneinheiten des künftigen "Weltquartiers" ganzjährig mit Wärme zu versorgen und 20 Prozent seines Strombedarfs abzudecken.

Hier beginnt das Morgen – Seite 3

Jetzt kommen die Behörden den Umbauplänen in die Quere

Im Geist, auf dem Reißbrett, steht die Stadt der Zukunft. Aber lässt sich soziale Wandlung einfach organisieren? Lassen sich Ideen und Programme oktroyieren? Wenn jetzt Studenten, Künstler, Designer, Architekten, Filmschaffende aus Hamburg, der Bundesrepublik, der ganzen Welt, kurzum: die Speerspitzen der "kreativen Klasse", auf die Elbinsel kommen und für einen geringen Mietsatz Wilhelmsburg von innen heraus zum Labor einer neuen Kultur machen sollen, eilt den ersten Galerien und Ateliers vor allem der Verdacht auf sogenannte Gentrifizierung voraus. Wenn der Aufwertung der Stadtteile durch das Ungezähmte, Freigeistige, Lebenswilde alsbald die Verdrängung durchs Vermögen folgt und Wilhelmsburg, wie vor zehn Jahren das linksalternativ und straßenkünstlerisch angehauchte Schanzenviertel in St. Pauli, nichts weiter als eine Art Durchlauferhitzer für betriebswirtschaftliche Immobilieninteressen wird und der global-urbanen Lifestyle-Noblesse unterliegt.

Ein heikles Thema, weswegen die IBA-Planer im Stile eines Mantras die "Aufwertung ohne Verdrängung" versprechen. Mehr als durch hehre Beschwörung ist dieser Wunsch augenscheinlich vor allem deshalb realistisch, weil zwei Drittel der Wilhelmsburger Wohnungen städtischen oder genossenschaftlichen Eigentümern gehören, die, wie alle genossenschaftlichen Einrichtungen, ein gemeinnütziges Interesse verfolgen, mit dem Ziel, Menschen einer breiten Klasse langfristig günstigen Wohnraum anzubieten. Außerdem, so heißt es bei der IBA, existiere in Wilhelmsburg ausreichend Platz für hochwertigen Wohnungsneubau, weswegen es de facto zu keinem Verdrängungsprozess beim Altbau kommen werde.

Wer den Weltvisionen der IBAnisten prinzipiell hoffnungsvoll geneigt ist, hat schlicht auf den guten Gang der Dinge zu vertrauen. Gut 500 Aktivisten in zehn Bürgerinitiativen wachen seit Beginn der Operation über die Wirklichkeitsverhaftung der neuen Zonen arrangierter Geborgenheit, und sie begleiten, wie der Allgemeinmediziner Manuel Humburg, Vorsitzender des Vereins Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg, die vorerst virtuelle Erneuerung Wilhelmsburgs bislang wohlwollend, zunehmend aber kritischer.

Manuel Humburg lobt Konzeption, Programmatik und Impulse der IBA, begrüßt das hohe Niveau der Themen und die Willensstärke der Stadtplaner. Doch peu à peu schwindet seine Euphorie, weil der innovative Geist der IBA gegen die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt nicht mehr ankomme. "Die IBA-Leute lassen sich einen Maulkorb verpassen und tragen die absurdesten verkehrspolitischen Entscheidungen mit, die den fundamentalen Kriterien von Nachhaltigkeit und Innovation fundamental widersprechen." Ein Beispiel unter manchen: Ursprünglich sollte die Reichsstraße zurückgebaut werden, um die Wilhelmsburger Mitte vom Durchgangsverkehr zu befreien und den Verkehr ringförmig um Wilhelmsburg herumzuführen. Jetzt soll sie zwar verlagert, aber verbreitert, beschleunigt und zu einer, wie Humburg sagt, "Autobahn" ausgebaut werden. "Ich prognostiziere, dass zwei weitere Autobahntrassen gebaut werden, die Wilhelmsburg komplett zerschneiden. So werden die IBA und die Stadt Hamburg zur internationalen Lachnummer, und die Stadt der Zukunft wird sich dadurch selbst zerstören."

Im beginnenden Frühling 2009 herrscht auf den Plätzen und in den Straßen von Willyburg wachsende Skepsis, hier und da Zuversicht, manchmal Verwunderung, grundsätzlich abwägende Nüchternheit. Die Wilhelmsburger Bürger, so wirkt es, wissen entweder nicht recht, wie ihnen geschieht, oder sie wissen, was ihnen geschieht, und verstehen nicht, warum gerade ihnen, und wer sich engagiert, wartet immer vergeblicher auf vertrauensbildende Ergebnisse, auf dass es wieder gelinge, die Menschen zu begeistern. Im Mai findet der nächste, der vierte für jedermann offene Bürgerdialog statt, zu dem die Bewohner aufs Neue mit den IBA-Organisatoren über Verkehr, Straßenbau, Sanierung und Energienutzung diskutieren können; die Vor- und Beiträge werden in vier Sprachen übersetzt, Portugiesisch, Russisch, Türkisch und Französisch.

Viel Raum für diskursive Verhandlung bleibt allerdings nicht, in vier Jahren schon soll Utopia glänzen. In Kürze rücken Kräne und Bagger in Wilhelmsburg an. Ab dann sollte es heißen: Bürger aller Welt, schaut auf diese Insel!