Über Ostern hat sich der Kampf gegen die Piraterie am Horn von Afrika dramatisch zugespitzt. Was bislang ein gespenstisches, aber weithin unblutiges Millionengeschäft zwischen Freibeutern und Reedern war, ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Schlauchbooten und Containerriesen, ist tödlich geworden. Seit amerikanische und französische Spezialkommandos mehrere Geiseln aus der Hand somalischer Piraten befreit und dabei mindestens fünf der Kaperer erschossen haben, eskaliert der Konflikt. Die lokale Störung der Schifffahrt im Golf von Aden hat sich zu einem jener asymmetrischen Konflikte entwickelt, wie sie typisch sind für die globalisierte Realität des 21. Jahrhunderts: Eine Schar von Freibeutern hält die mächtigsten Flotten der Erde in Atem.

Die Welt, die vom Seehandel lebt, wird darauf reagieren müssen, der Westen voran, auch Deutschland. Zum Schutz der eigenen Schiffe und Seeleute. Zur Sicherung jener Meerenge, durch die rund die Hälfte aller fossilen Brennstoffe transportiert wird. Und zur Abschreckung möglicher Nachahmer in anderen Weltmeeren. Ein hartes Vorgehen gegen die Piraten ist aber auch nötig, um zu verhindern, was bislang nur ein Albtraum von Antiterrorstrategen war: dass sich die somalischen Hochseegangster in Badelatschen eines Tages mit islamistischen Terroristen verbünden. Schon einmal hat das Netzwerk al-Qaida ein altes Terrormodell, die Flugzeugentführung, für seine Zwecke variiert. Zwei gekaperte Mammuttanker, im Golf von Aden zur Explosion gebracht, würden die Weltwirtschaft für Wochen in die Knie zwingen. Ein maritimes 9/11.

Was tun? Bloß schweigen und zahlen, wie bislang, um Crew und Fracht nicht zu gefährden, funktioniert nicht. Jede Lösegeldzahlung gebiert neue Überfälle. Mehr Kriegsschiffe!, fordern – natürlich – die Admirale. Und tatsächlich gebietet es die schiere Größe des Einsatzraumes entlang der 3000 Kilometer langen Küste von Somalia, die Flottillen aufzustocken, auch die der Bundesmarine. Aber auch die bereits vorhandenen Einheiten können besser koordiniert werden. Derzeit operieren europäische und amerikanische Verbände in nicht weniger als drei verschiedenen Einsätzen, die nur lose miteinander verknüpft sind; hinzu kommen Marineeinheiten aus China, Japan, Indien und Russland. Sie unter ein gemeinsames UN-Kommando zu stellen wäre ein erster Schritt.

Ein zweiter müsste es sein, den rein defensiven Charakter der Missionen aufzugeben und auf die Jagd nach den Mutterschiffen der Piraten zu gehen, umfunktionierten Fischtrawlern, die den Operationsradius der Freibeuter enorm ausgedehnt haben. Die eigenwilligen Restriktionen, die sich hier die Bundeswehr auferlegt hat, nützen allein den Piraten. Verfassungsrechtlich zwingend sind sie nicht. Das Grundgesetz hat pazifistische Wurzeln, gewiss, aber es verbietet nicht, auf Piraten zu schießen.

Auch der bizarre Streit, ob für eine mögliche Befreiung der fünf deutschen Geiseln auf der entführten Hansa Stavanger eine Eliteeinheit der Bundeswehr oder doch die GSG9 eingesetzt werden solle, interessiert allenfalls Juristen. Für die Geiseln muss er wie Hohn klingen.

Schließlich sollten die beteiligten Nationen rasch klären, wie sie mit den Seeräubern umgehen wollen, die sie im Golf von Aden gefangen nehmen. Sie in alle Welt zu fliegen, um ihnen mal hier, mal dort den Prozess zu machen, je nachdem, welches Schiff sie festgesetzt hat, kann auf Dauer keine Lösung sein. Allerdings sollte die abschreckende Wirkung von Strafprozessen nach westlichen Standards auf ausgehungerte somalische Freibeuter nicht allzu hoch eingeschätzt werden. Richter werden die Seeräuber jedenfalls nicht bezwingen.

Militärs allein allerdings auch nicht. Dass Piraten auf See bekämpft werden müssen, aber nur an Land besiegt werden können, ist mittlerweile fast ein Gemeinplatz. Das heißt nun freilich nicht, den Krieg kurzerhand vom Meer an die Küste zu tragen und die "Piratennester auszuräuchern", wie es in martialischer Logik jetzt vielerorts gefordert wird.