Am 29. September 1957 wurden die Bewohner des Tataren-Dorfs Karabolka am Südural Opfer des atomaren Wettrüstens. "Wir brachten gerade die Kartoffelernte ein. Plötzlich bebte die Erde, und am Horizont stieg ein riesiger, rot glühender Ballon hoch." Gulschara Nadschibulowna streicht ihrer Enkelin Veronika übers Haar. Das Kleinkind trägt eine Halskrause, denn seine Wirbel sind so weich, dass sie den Kopf nicht tragen können. "Der Donner war ohrenbetäubend, alle Fensterscheiben zersprangen. Die Erwachsenen schrien: ›Krieg!‹ Dann wurde es still." Damals war Gulschara Nadschibulowna elf Jahre alt. Zwei Tage lang verließ sie das Haus nicht. Dann kam ein Bus und holte sie und die anderen Schulkinder wieder zur Kartoffelernte ab.

Es war die bestverschwiegene Nuklearkatastrophe der Geschichte. Im nahe gelegenen Chemiekombinat Majak, zur Sowjetzeit die Hauptproduktionsstätte von waffenfähigem Plutonium, war ein Tank mit 80 Tonnen hochradioaktivem Atommüll explodiert. Die Havarie soll größere Folgeschäden angerichtet haben als der Super-GAU von Tschernobyl – und dabei war sie nur der Auftakt zu weiteren immensen Schlampereien, die zur erheblichen Freisetzung von Radioaktivität führten. Das Gebiet nahe der Millionenstadt Tscheljabinsk zählt zu den am schwersten verstrahlten Orten der Welt. Die russischen Dörfer wurden evakuiert, die tatarische Bevölkerung aber lebt bis heute auf dem verstrahlten Gelände.

Inzwischen ist die kerntechnische Anlage Majak ein Vorzeigeprojekt deutsch-russischer Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Abrüstung und Nuklearsicherheit – und eine Sickergrube für internationale Steuergelder. Die Bürger von Karabolka aber, die damals mit bloßen Händen die verseuchte Ernte vernichteten, verstrahltes Mauerwerk abtrugen und Kiefernsetzlinge in radioaktive Erde gruben, kämpfen bis heute um lächerliche Entschädigungsbeträge. 60.000 Rubel Kompensation für jeden Überlebenden verlangt Gulschara Nadschibulowna, die als Bürgerrechtlerin und Bezirksabgeordnete für die Rechte der Betroffenen kämpft. Das wären keine 1500 Euro als Ausgleich für totgeborene Kinder, amputierte Gliedmaßen und Krebsleiden, gegen die es statt Medikamenten immer nur Wodka gab. Auch die Forderungen nach medizinischer Versorgung und Brunnen für unverseuchtes Trinkwasser blieben bislang unerfüllt.

Seit US-Präsident Barack Obama seine Vision von einer atomwaffenfreien Welt propagiert, haben die Fragen, die der Majak-Skandal aus der Frühzeit der Nuklear-Ära aufwirft, unerwartete Aktualität bekommen: Was genau riskiert ein Staat, wenn er sich ein einsatzfähiges Atomwaffenarsenal leisten will? Wer haftet für die sozialen und ökologischen Folgekosten? Und: Wer bezahlt die Entsorgung, wenn sich der geopolitische Wind dreht? Wenn das Bombenmaterial auf einmal möglichst schnell vernichtet werden muss, weil es anderenfalls in die Hände von Terroristen, Fundamentalisten und Diktatoren zu geraten droht?

Von den mindestens 20.000 Nuklearsprengköpfen, die es weltweit gibt, halten die einstigen Gegner des Kalten Krieges, die USA und Russland (als Nachfolger der früheren Sowjetunion), mehr als 90 Prozent. Und egal, ob sie sich in den anstehenden Abrüstungsverhandlungen auf Obamas Global-Zero-Lösung oder auf die politisch realistischere Reduzierung auf je 1000 bis 1400 Nuklearsprengköpfe einigen: Die Demontage des Zünders vom Sprengkopf und des Sprengkopfes vom Raketenträger mag noch relativ kostengünstig sein. Doch damit ist die Bombe nur entschärft, nicht unschädlich gemacht. Wie man sich der gewaltigen Mengen an waffenfähigem, spaltbarem Material entledigen kann, bevor sie Unheil anrichten, das ist ein technisch weitgehend ungelöstes Problem.

Im Fall der früheren Sowjetunion zeigen sich die Folgen eines halben Jahrhunderts Wettrüsten erst jetzt in all ihrer Monstrosität: 15 Prozent der Landesfläche Russlands gelten als ökologisches Notstandsgebiet, schätzungsweise sieben Millionen Russen leben auf radioaktiv verseuchtem Boden. Ganz zu schweigen von 40.000 Tonnen Giftgasmunition für Chemiewaffen, die zum Großteil in korrodierenden Metallfässern lagern.

Ganz so viel Anschauungsmaterial für militärisch-industrielles Missmanagement liefert Amerika zwar nicht. Doch auch der angeschlagene US-Staatshaushalt ächzt unter den laufenden Kosten seiner Massenvernichtungspotenz. Nach Angaben des US-Wissenschaftlers Stephen Schwartz – einer der wenigen, die je versucht haben, die wirtschaftliche Dimension des vom Militärgeheimnis geschützten Sektors zu evaluieren – geben die USA nach wie vor etwa 29 Milliarden US-Dollar pro Jahr für die Aufrechterhaltung ihres Atomwaffenarsenals aus. Und das, obwohl sich die Militärstrategen längst von der nuklearen Abschreckung verabschiedet haben und sich stattdessen den führbaren konventionellen Kriegen widmen.