Angeblich werden in New York und London langsam die Therapieplätze knapp. Viele Banker, einst bewundert, beneidet und auch umschwärmt, plagen sich mit der Angst vor dem sozialen Abstieg, empfinden Wut und Frust, weil sie ihre hoch bezahlten Jobs verlieren. 300000 Mitarbeiter der Finanzbranche in den beiden Metropolen wird das Schicksal treffen, schätzt die Internationale Arbeitsorganisation, eine Agentur der Vereinten Nationen.

Aber längst nicht überall auf der Welt stürzt die Krise Banker scharenweise in die Arbeitslosigkeit. In Deutschland herrscht derzeit kein Mangel an Finanzjobs. Es klingt paradox: Inmitten der größten Finanzkrise seit Jahrzehnten fahnden Zeitarbeitsfirmen und Headhunter hierzulande nach neuen Bankmitarbeitern.

Vor allem das in den vergangenen Jahren von den Vorständen oft stiefmütterlich behandelte Privat- und Firmenkundengeschäft bietet Chancen für Tausende neuer Mitarbeiter. Denn das ist neuerdings wieder en vogue: Banker, die persönlich reiche Privatkunden beraten oder sich um die Kreditwünsche kleinerer Mittelständler kümmern. Auch im Bereich des Topmanagements suchen die Finanzhäuser nach qualifiziertem Personal. Kein Wunder, denn »es werden etliche Vorstände ausgetauscht«, wie Nicola Sievers von der Headhuntingfirma Inner Circle erklärt. Besonders gesucht sind außerdem Experten für Risikomanagement und Controlling – einen Bereich, dem man schon vor der Krise mehr Aufmerksamkeit hätte schenken sollen. Es ist schon merkwürdig, dass ausgerechnet in der Branche, von der diese Krise ausging, erstaunlich wenig von ihr zu spüren ist.

Auch ein Dreivierteljahr nach der Lehman-Pleite tauchen in der Arbeitslosenstatistik kaum Bankfachleute auf. »Wir haben hier quasi Vollbeschäftigung«, sagt Jens Thau, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes des privaten Bankengewerbes. Im Februar waren nach Auskunft der Bundesagentur für Arbeit in Hessen 618 Bankkaufleute arbeitslos gemeldet; knapp die Hälfte davon im Agenturbezirk Frankfurt. Angesichts von 85000 Beschäftigten in hessischen Banken würden manche Banker selbst da wohl von Peanuts sprechen.

Viele Finanzhäuser wollen ihren Mitarbeiterstamm hierzulande sogar noch erweitern. Alleine die Deutsche Bank plant 2500 zusätzliche Vertriebsstellen und 150 neue Filialen in Deutschland – und meldet gleichzeitig, dass rund 1500 Investmentbankern in New York und London die Kündigung überreicht worden sei. Auch die Commerzbank, die im Zuge der Dresdner-Bank-Übernahme den Abbau von mehr als 2000 Stellen angekündigt hat, bietet auf ihrer Homepage noch freie Arbeitsplätze an, insbesondere in der Kundenberatung und Strategieabteilung. »Die Banken kehren wieder in ihr Kerngeschäft zurück«, sagt Ingolf Jungmann, Vizepräsident der Frankfurt School of Finance. Und versichert: »Massenentlassungen wird es nicht geben.«

Bei vielen Headhuntern und einigen Zeitarbeitsfirmen, die sich um die Vermittlung der begehrten Klientel bemühen, brummt deshalb das Geschäft ausgerechnet im Bankensektor. Der Personaldienstleister Bankpower etwa hat derzeit 200 offene Stellen zu vergeben. »2008 war für uns das beste Geschäftsjahr, die Finanzkrise spüren wir kaum«, sagt Bankpower-Chefin Melanie Reitz. Doch die Suche nach neuem Personal gestaltet sich nicht immer einfach. Die Wechselwilligkeit der Kandidaten sei derzeit stark eingeschränkt, bedauert Reitz. Statt sich neuen Herausforderungen zu stellen, bleiben die Banker lieber an ihren Stühlen kleben. »Man bewegt sich nicht und hat Angst«, bestätigt auch Anne-Marie Castel von der Frankfurter Personalberatungsagentur MZ Consulting. Denn die Leute, die jetzt in eine neue Anstellung gingen, seien auch die Ersten, die bei einer Kündigungswelle wieder entlassen würden.

Deshalb profitieren nicht alle Personalvermittler von dem Einstellungswunder. Mitte März musste der erste international tätige Frankfurter Personalberater Smith & Jessen Insolvenz anmelden. Die Firma hatte sich auf die Vermittlung von Investmentbankern spezialisiert, da sich damit lange Jahre am meisten Geld verdienen ließ.