Aus Gründen, die wenig zur Sache tun, verwendete ich während der neunziger Jahre meine Zeit und Kaufkraft im Wesentlichen darauf, Alben auf CD zu erwerben, die ich schon als Teenager auf Langspielplatte besessen hatte. Den Abschied von der LP habe ich nie betrauert, im Gegenteil. Ich bin ein fauler Mensch und begrüße es als Fortschritt, Platten nicht mehr umdrehen zu müssen. Außerdem reagieren CDs viel gelassener auf Spuren der Nachlässigkeit (Staub, Limo, Körperflüssigkeiten) als das zickige Vinyl.

Neue Musik erreichte mich in diesen Jahren nur sporadisch. Bis ein Mann in mein Leben trat, der diesen Zustand im Alter von Mitte 20 für bedenklich hielt und versuchte, mich durch Mixtapes in die Gegenwart zurückzuholen. Die Form war mir aus Schulzeiten vertraut, und schon damals waren die Rollen zwischen den Geschlechtern klar verteilt: Die Jungs zogen aus, um Musik zu jagen, und brachten den Mädchen ihre Beute als Kassette dar. Geärgert hat mich diese freiwillige Passivität erst viel später.

Ich mochte die Tapes des Mannes, irgendwann wurde ich abhängig. Ich glaubte, mir die Musik aneignen, sie lernen zu müssen wie einen Kanon. Der Begriff "Hamburger Schule" sagte mir noch wenig, als er mir eines Abends mitteilte: "Morgen erscheint die neue Blumfeld-Platte." Er klang dabei so feierlich, dass ich keine Fragen stellte, sondern am nächsten Morgen im nächstbesten Musikladen ein Album erstand, an dem ich unter anderen Umständen vorbeigelaufen wäre, so lieblich und harmlos wirkten die vier jungen Männer auf dem Cover. Old Nobody. Es begann mit einem gesprochenen Gedicht.

Selten habe ich eine Platte so verzweifelt lieben wollen wie dieses Blumfeld-Album. Ich habe es womöglich durchgehört, immer und immer wieder, weil ich hoffte, die dringende Abneigung würde irgendwann nachlassen. Ich putzte Fenster zu Blumfeld, saugte Staub zu Blumfeld, duschte zu Blumfeld. Gegen Abend hatte ich es immerhin zu einer gewissen Gleichgültigkeit gebraucht. Dann rief der Mann an. Er sagte: "Das neue Blumfeld-Album ist enttäuschend. Die Band hat nachgelassen." Der eigenen Haltungslosigkeit brutal überführt, getrieben von Wut und Scham, brach ich die CD in der Nacht zu Dutzenden kleiner Scherben und warf sie über meine Balkonbrüstung. Das habe ich nie zuvor und auch danach nie wieder einer Platte angetan.

Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich dem wunderbarsten Mann der Welt begegnete. Am Anfang habe ich bedauert, dass er Blumfeld im Gepäck hatte. Aber er hat mir die Musik nicht aufgedrängt. Jedenfalls nicht sehr. Und auf dem Album, das ich in Scherben vom Balkon geworfen hatte, entdeckte ich plötzlich Titel, von denen ich schwören könnte, dass sie gar nicht auf der Platte waren, als ich sie zum ersten Mal hörte. Hatte ich Schwämme auf den Ohren, während Mein System kennt keine Grenzen lief? Die Lautsprecher gesaugt und so das großartige Kommst Du mit in den Alltag überhört, das ebenso schön wie präzise den Grat zwischen Zwang und Widerspenstigkeit beschreibt?

Ich habe mir Old Nobody später noch einmal gekauft. Und beim letzten Blumfeld-Konzert mehr geheult als alle Jungs um mich herum. Weil die Musik jetzt mir gehört.

Blumfeld: Old Nobody, Big Cat/Rough Trade