Wie die Zelle eingerichtet wird, ist festgeschrieben und überall im Gefängnis gleich. Aus Sicherheitsgründen. Zelle Nummer 221, erster Stock, Haus 2, "Mord- und Totschlagsstation" in der Jugendstrafanstalt Berlin-Plötzensee ist neun Quadratmeter groß: grauer Bodenbelag, an der Wand ein Bett, darauf eine Decke mit der Aufschrift "Land Berlin", gegenüber ein Tisch, daneben ein Schrank aus Kunstholz.

Zelle 221 erzählt von Verbrechen, von Schuld, von Scham, vielleicht auch von Sühne. Zelle 221 erzählt von Mehmet Kemal, Gavin Jones und Daniel Koch (Namen der Häftlinge geändert). Alle drei haben Zelle 221 gepflegt und gehasst. Alle drei blickten durch ihr vergittertes Fenster auf den Hof mit den stacheldrahtumhüllten Bäumen in der Mitte – Mehmet Kemal von Dezember 1998 bis November 2001, Gavin Jones vom Frühjahr 2007 bis Mai 2008 und Daniel Koch von da an bis heute. Alle drei haben sehr jung schon sehr schwere Straftaten begangen. Was sie verbindet, ist diese Zelle.

Zelle 221, Frühjahr 2008. Über Daniel Koch sagen die anderen Häftlinge, er habe aus der Zelle eine "Kuschelhöhle" gemacht. Koch ist 21 und seit drei Jahren in Plötzensee. Er trägt ein Unterhemd, das seine Armmuskeln freilegt. In seiner Zelle regieren die Frauen, sie schauen auf sein Bett, von seiner Pinnwand, von der Schranktür. Sie haben alle sehr wenig an. Die Bilder kleben an einer Leiste, man muss darunterschauen können, mindestens einmal in der Woche wird Zelle 221 kontrolliert. Nach Paragraf 19 Absatz 2 des Strafvollzugsgesetzes dürfen die Gefangenen ihre Zelle in "angemessenem Umfang ausstatten", aber es können "Gegenstände ausgeschlossen werden", wenn sie die "Übersichtlichkeit des Haftraumes behindern". Neben den Nackten hängen Fotos von den Malediven, Kochs Mutter war dort im Urlaub. Koch hat die beiden größten Sehnsüchte der Häftlinge an einer Wand vereint: Sex und Freiheit.

Jeden Tag um sechs wird Daniel Koch geweckt, um sieben geht er zur Arbeit, er macht in der Anstalt eine Tischlerlehre. Gegen 15 Uhr kehrt er zurück, meist bleiben die Zellentüren nur noch ein, zwei Stunden geöffnet. Ab 16 oder 17 Uhr ist er dann allein in Zelle 221, Stunden des Nichtstuns, in der die Konjunktive in seinem Kopf lärmen, Gedanken daran, wie das Leben ohne sein Verbrechen hätte aussehen können. Das Eingeschlossensein sei am Anfang richtig beklemmend gewesen. Diese Eintönigkeit, die den Körper schlaff werden und die Gedanken taumeln lässt und das Nachdenken darüber, was er getan hat. Ein Makel, nie mehr aus dem Lebenslauf zu tilgen. Wenn Daniel Koch die Spannung nicht aushält, putzt er seine Zelle. Koch findet, kleine Räume machen viel mehr Dreck als große. Im Schrank liegen seine Jeans und T-Shirts auf Kante. Ordnung ist ihm wichtig. Auch, weil er sie draußen vor der Tür oft nicht finden kann.

Vorraum der Zelle, Frühjahr 2008. Auf dem Flur regt sich Kochs Zellennachbar Shapi, ein Kosovo-Albaner, der einen Lehrer umgebracht hat, über die Haftbedingungen auf: keine Fernseher in den Zellen, Schikane der Beamten und zu wenig Aufschluss! Nur selten sind vier Vollzugsbeamte da, damit die Zellentüren in Haus 2 bis 21 Uhr offen bleiben können. Zu wenig Personal, zu viele Krankmeldungen. Daniel Koch verhält sich still, wenn andere erzählen. Nur wenn ihn etwas stresst, erscheint quer auf seiner Stirn eine Falte. Über seine Tat mag er jetzt nicht reden. Die Häftlinge fragen einander nie, warum sie hier sind. Jeder hört irgendwas von irgendwem. Daniel Koch hat noch vier Jahre vor sich.

Büro des Gefängnisleiters, Sommer 2008. Nicht weit entfernt von Zelle 221 im Verwaltungsgebäude der Haftanstalt sitzt Marius Fiedler hinter einem überdimensionierten Schreibtisch. Seit 19 Jahren leitet er das Gefängnis Plötzensee, regiert eine kleine Stadt mit Werkstätten, Zellen, Sportplatz und momentan 485 Gefangenen, die in drei Schichten von 300 Vollzugsbeamten bewacht werden. Vor knapp dreißig Jahren ist Fiedler zufällig ins "Gefängnis-Business" geraten, wie er es nennt. Er hatte Soziologie, Erziehungswissenschaften und Psychologie studiert. Danach wollte er kurz in der Psychiatrie arbeiten, um psychische Krankheiten besser zu verstehen, und fand nur einen Platz im Krankenhaus der Haftanstalt Berlin-Tegel. Damals war Fiedler 32 und davon überzeugt, die Häftlinge seien in Tegel doppelt eingesperrt – sowohl im Gefängnis als auch in der Psychiatrie. Bis er den Chefarzt des Gefängnisses kennenlernte, einen "Weltbürger" aus einer alten italienischen Familie. Der vertrat die Ansicht, die Gefangenen sollten nicht nur büßen, sondern die Zeit in Haft nutzen, um sich zu entwickeln. Der Arzt wurde Fiedlers Mentor, und Fiedler blieb zehn Jahre als Psychologe dort.