Die Theaterwelt rüstet sich für einen Großtermin: In Köln kommt in dieser Woche Elfriede Jelineks neues Stück Die Kontrakte des Kaufmanns heraus, es ist ein Kommentar zur Finanzkrise in tausend Zungen. Alle werden hinfahren. Das Theater verspricht: "Jelinek zeigt Getriebene. Rauschhaft ist deren Lust am Verschieben nicht vorhandener Werte, die sich immer wieder von neuem anstachelt, nicht zuletzt an der Gier der Kleinanleger nach unablässig wachsender Rendite."

Nun musste man nicht nach Köln, um den Kleinanleger in seiner Not zu erleben. Er hat sich vergangene Woche massenhaft im Berliner ICC eingefunden – zur Aktionärsversammlung der Daimler AG. Getrieben wirkt hier allerdings niemand; die Aktionäre stehen in den Foyers um eine Kartoffelsuppe oder ein paar Würstchen an. Schon das Wandeln in den Gängen des Messezentrums ist beruhigend. 8000, vielleicht 10.000 Aktionäre gehen hier umher, meist ältere Menschen. Sie wollen sehen, was ihr Geld macht. Gedeckte Westen, graues Haar, Gesundheitsschuhe, so schlendern sie auch auf Mallorca durch die Foyers der Überwinterungshotels – die Menschen, auf deren Weitblick, Sparsamkeit und Kaufkraft das Land ruht. Wenn diese Generation einst fort ist, wird womöglich das Land gleich mit verschwinden.

Aber Schluss mit den trüben Gedanken. Kehren wir zurück ins Theater – zurück in den großen Saal des ICC. Zum Theaterstück hat nämlich das Theaterensemble Rimini Protokoll kurzerhand die ganze Daimler-Hauptversammlung (kurz HV) erklärt und 200 Zuschauer eingeschleust. Wie ist das möglich? Indem man jedem eine Aktie kauft. Wer eine Aktie besitzt, darf als "anwesendes Kapital", als Anteilseigner, der HV beiwohnen.

Rimini Protokoll hält sich klug zurück; die Theatergruppe lenkt den Fluss nicht um, sie kommentiert nur dessen Lauf. Es gibt ein instruktives Programmheft, es gibt Foyergespräche mit Experten, welche die Details der Inszenierung erklären, es gibt einen Besetzungszettel, welcher die wichtigsten Darsteller nennt: Dieter Zetsche in der Rolle des Vorstandsvorsitzenden und Manfred Bischoff in der Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden.

Wenn man diese Versammlung als Theater begreift, so überzeugt zunächst die Geschlossenheit des Raums. Man geht durchs ICC, und die Stimmen der Redner sind, wenn sie "Potenzial" und "trockene Tücher" sagen, noch vom stillen Toilettenbesucher zu hören. Es herrscht der Gestus absoluter Transparenz, und in der Halle darf jeder reden, der sich auf die Rednerliste setzen ließ. Hinter der Volkstümlichkeit spürt man aber doch, momentweise, dass diese Bühne eine Festung ist. Dann geht die Zugbrücke hoch zwischen den Burgherren und den Anteilseignern. So hat der Aufsichtsratsvorsitzende Bischoff eine geradezu augenrollende Langmut, eine knurrende Geduld mit den Menschen (meist Männern), die vor dem Gesetz (dem Daimler) stehen und darum bitten, vorgelassen zu werden.

Auch in der Krise bleibt man unangreifbar. Nach der Eröffnungsrede des Vorsitzenden Zetsche ist dessen Rednerpult nach draußen gerollt worden, woraufhin alle, die nun das Wort haben, an ein kleineres Pult unterhalb der Bühne, gleichsam im Burggraben, verwiesen werden. Ein großer Theatereinfall ist die Positionierung des Rednerpultes; es steht genau vor einem neuen silbernen Mercedes. Der Redner weiß eine Limousine in seinem Rücken, er steht, während er spricht, zwischen ihren Scheinwerfern. Man betrachtet den mutigen Redner und denkt an Christine, das dämonische Auto aus dem Roman von Stephen King; wenn diese Bestie geärgert wurde, so überrollte sie mit einem geschmeidigen Sprung den Feind.

1998 durfte der Schreiber dieses Berichts schon einmal an einer Daimler-Hauptversammlung teilnehmen; damals wurde die Metamorphose von Mercedes Benz zur "Welt AG" vollzogen: Man fusionierte mit Chrysler, und der Hauptakteur dieses Ereignisses, Jürgen E. Schrempp, fühlte sich wie der geheime König von Deutschland. 99, 89 Prozent der Aktionäre, damals noch in Stuttgart, stimmten für die Fusion. Mittlerweile sind bei Daimler die Begriffe "Chrysler" und "Schrempp" so gut wie unbekannt, und die Zeit der hochfahrenden Pläne ist vorbei.