Martin Langendorf ist jetzt Geldbote der Bundesregierung. Er sitzt in Berlin in der S-Bahn-Linie 9, gleich wird er den Bahnhof Charlottenburg erreichen. Ein junger Mann, 33 Jahre alt, der zwei Kinder hat und einen Auftrag: In Langendorfs Tasche stecken 200 Euro, die soll er der deutschen Wirtschaft übergeben. So wie 17 Millionen andere Bundesbürger auch.

Sie alle bekommen in diesem Monat Geld vom Staat. 100 Euro für jedes Kind, insgesamt 1,8 Milliarden. Die Regierung nennt es den Kinderbonus. Er ist Teil des zweiten Konjunkturpakets, wie die Abwrackprämie für Autos, wie die Investitionen in Straßen und Schulen.

Nie zuvor in der Geschichte hat eine Bundesregierung zur Bekämpfung einer Wirtschaftskrise den Bürgern Geld überwiesen. Aber nie zuvor war eine Krise so groß. Jetzt sollen Leute wie Martin Langendorf der Wirtschaft helfen, indem sie einkaufen gehen. So wie fast jeder Mensch, fast jeden Tag. Einkaufen ist ein ziemlich gewöhnlicher Vorgang. Nun, in der Krise, bekommt er besondere Bedeutung. Jeder Einkauf hilft bestimmten Unternehmen, schützt bestimmte Arbeitsplätze.

Langendorf könnte eine Märklin-Eisenbahn kaufen. Oder Porzellan von Rosenthal. Oder Unterwäsche von Schiesser. Alle diese Firmen haben kürzlich Insolvenz angemeldet, sie haben jeden Euro nötig, um vielleicht zu überleben. Indem die Regierung den Familien Geld überweist, überträgt sie ihnen Macht: Nicht mehr der Staat allein entscheidet, welche Branche profitiert – so wie bei der Abwrackprämie für Autos. Es sind nun auch die Bürger.

Am S-Bahnhof Charlottenburg steigt Langendorf aus. Er biegt in die Kantstraße ein, nicht weit vom Kurfürstendamm. Nach ein paar Metern bleibt er stehen. Von der Markise eines kleinen Geschäfts baumeln Netze mit gepunkteten Plastikbällen. Über der Eingangstür liest er: Heidis Spielzeugladen. Langendorf geht hinein.

Es ist die erste Station einer langen Reise, auf der sich die 200 Euro des Staates in Löhne und Mieten verwandeln werden, in Rechnungen und Waren und manchmal auch in Hoffnung und Zuversicht. Der Weg dieses Geldes führt zu Unternehmen, die in der Wirtschaftskrise um ihr Überleben kämpfen, und zu solchen, die ganz andere Probleme haben. Er führt in eine Welt abseits der großen Politik, weg aus Berlin, wo die Regierung gerade darum ringt, ob sie den Autobauer Opel mit 3,3 Milliarden Euro Staatsbürgschaften stützen soll, hinaus in die deutsche Provinz, an die Grenzen des Landes und darüber hinweg.

Ganz am Ende dieser Reise wird man eine Antwort geben können auf die Frage, die sich in diesen Wochen fast jeder Regierungschef der Welt stellt: Soll der Staat mit seinem Geld der Wirtschaft helfen? Lässt sich so die Krise mildern? Oder ist das nur eine Verschwendung von Steuergeld?

Martin Langendorfs Blick fällt auf Ritterburgen, Kugelbahnen und Tierfiguren. Heidis Spielzeugladen ist eine Puppenstube für Erwachsene, ein Kindergeschäft, wie es früher viele gab und heute nur noch wenige gibt. In einer Ecke steht, was Langendorf sucht – ein Laufrad. Dunkelbraun ist der Name des Modells ins Holz gebrannt: LIKEaBIKE. Auch der Firmenname steht da. Kokua. Und: made in Germany.

Ein Laufrad ist ein Fahrrad ohne Pedale. Die Kinder sitzen darauf und bewegen die Beine, als ob sie laufen würden. Schon Zweijährige können damit etwas anfangen. Wenn sie mit vier aufs Fahrrad umsteigen, wissen sie, wie man das Gleichgewicht hält, und brauchen keine Stützräder. Langendorfs Tochter Josephine ist gerade zwei geworden. Sie soll das Rad zuerst benutzen, später dann ihr Bruder Franz, der im Januar auf die Welt kam.

Langendorf zieht seinen Geldbeutel aus der Tasche. 179 Euro wechseln den Besitzer. 179 Euro, die einen Tag zuvor noch dem deutschen Staat gehörten. Viel Geld für ein Holzlaufrad.

Für 179 Euro muss eine Krankenschwester 17 Stunden arbeiten, ein Dachdecker 14 Stunden. Mütter und Väter wie sie, mit niedrigen und mittleren Einkommen, sollen vom Kinderbonus profitieren, weil sie in der Regel nichts sparen, sondern alles ausgeben. So hat sich die Regierung das gedacht.

Die Idee des Kinderbonus entstand zwischen Weihnachten und Neujahr. Damals formulierte Frank-Walter Steinmeiers Wahlkampftruppe das SPD-Konjunkturkonzept, zur Unterstützung des privaten Konsums erfand man den Kinderbonus. Steinmeiers Leute dachten an 300 Euro, mit Finanzminister Peer Steinbrück einigten sie sich auf 200 Euro, am Ende, bei den Koalitionsverhandlungen, kamen 100 Euro heraus. Familien, die mehr verdienen als 74.718 Euro im Jahr, wird der Bonus nach der Steuererklärung wieder abgezogen.