Es ist der erste warme Frühlingstag, Kaiserwetter in ganz Deutschland. An diesem Tag wird Bundeskanzlerin Merkel in Baden-Baden den amerikanischen Präsidenten Obama zu seinem Antrittsbesuch in der Bundesrepublik begrüßen. Am Abend werden die Staats- und Regierungschefs der Nato den 60. Geburtstag des Bündnisses mit einem festlichen Dinner im Baden-Badener Kurhaus feiern.

Am Morgen dieses Tages liegt in Berlin das Schloss Bellevue in tiefem Frieden. Im Park knospen die Bäume. Über die weite Rasenfläche hinter dem Schloss schnürt ein Fuchs. Eine ganze Fuchsfamilie, erfahren wir, ist in dieser hochherrschaftlichen Oase zu Hause.

Ruhe zum Nachdenken. Zeit für Horst Köhler, Bilanz zu ziehen. Am 1. Juli 2004 hat er sein Amt als Bundespräsident angetreten. In fünf Wochen, am 23. Mai, stellt er sich zur Wiederwahl. Als ziemlich sicher kann gelten: Die SPD-Spitze hatte ihm zunächst signalisiert, die Sozialdemokraten würden eine zweite Amtszeit Köhlers unterstützen. Einige in der Partei, vor allem auf der Linken, hatten andere Pläne und mit Gesine Schwan alsbald auch eine Kandidatin, die voller Elan ein zweites Mal gegen Köhler ins Rennen ging – um sich dann rasch über mangelnden Rückhalt in den eigenen Reihen zu beklagen. Aber es gab für sie nun kein Zurück mehr. Und Köhler dürfte sich gesagt haben: Nun erst recht!

In Berlin zweifelt kaum jemand an seiner Wiederwahl. Vielleicht klappt es nicht gleich im ersten Wahlgang, dafür sind die Stimmenverhältnisse zu knapp. Aber spätestens im dritten Wahlgang, mutmaßen die meisten, mit denen man spricht, werde es für den Amtsinhaber wohl reichen.

Man sollte also meinen, der Bundespräsident sei in diesen Tagen entspannt, frohen Mutes, seiner Sache sicher. Stattdessen spürt man bei Horst Köhler Selbstzweifel, hört im Rückblick auf die vergangenen fünf Jahre viel Selbstkritisches. Findet er mit seinen Reden wirklich Gehör, dringt er mit seinen Worten überhaupt durch? Eigentlich, wenn man genau hinhört, meint man ihn fragen zu hören: Ist dies, so wie ich nun einmal gestrickt bin, die richtige Aufgabe für mich?

So viel steht fest: Die politische Klasse ignoriert den Präsidenten nach Kräften; sie ist mit ihm nie richtig warm geworden, er bleibt seinerseits auf Distanz. "Netzwerkerei ist nicht meine starke Seite", sagt Köhler. Gewiss, mit der Bundeskanzlerin bespricht er sich alle sechs Wochen, die Parteivorsitzenden sieht er einmal im halben Jahr. Er trifft sich mit den Ausschüssen des Bundestages. Dennoch bleibt er außen vor. Seine acht Amtsvorgänger – von Theodor Heuss bis zu Johannes Rau – kamen alle aus der aktiven Politik, hatten sich um Mandate beworben, im Parlament um Mehrheiten gerungen. Der frühere Spitzenbeamte und Topmanager Köhler steht dem politischen Betrieb bis heute fremd gegenüber. Er sagt: "Die Politiker." Er sagt nicht: "Wir Politiker." Mag er bei den Bürgern noch so beliebt sein, in Berlin ist Horst Köhler isoliert.

Dabei ist Köhler doch auf den ersten Blick genau der richtige Bundespräsident zur richtigen Zeit. Wer wüsste zur Krise mehr zu sagen als er? Der promovierte Ökonom blickt auf eine glänzende Laufbahn zurück. Als Staatssekretär im Finanzministerium war er Sherpa Helmut Kohls bei den G-7-Gipfeln. Er hat die deutsche Einheit mit ausgehandelt und den Maastrichter Vertrag. Er war Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes, Chef der Osteuropabank in London und Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. Sein wirtschaftlicher Sachverstand ist unumstritten – und genau da liegt das Problem.