Man kann Hape Kerkeling ein Gespür für literarische Formen nicht absprechen. Eine kurze Verbeugung nur, dann betritt Deutschlands Comedy-Papst mit Backenbart die Bühne und schmettert zu Klavierbegleitung das Kunstlied Wolf und Lamm, die ewige Geschichte vom unschuldigen Opfer und dem bitterbösen Biest. Nur fünf Worte braucht Kerkeling, um mit slawischem Akzent und groteskem Kunstwollen die alte Fabel zu grandiosem Kulturschrott zu häckseln. Man lacht – funktionieren kann der Sketch aber nur, weil dem Zuschauer die Fabel von Wolf und Lamm präsent ist. Und damit eben auch ein Genre, das rekordverdächtige Züge aufweist: Die Fabel ist die älteste durchgängig gebrauchte Literaturform aller Zeiten. Eine success story, gegen die etwa der Roman, nun ja, fast zu einer Fußnote der Literaturgeschichte schrumpft.

Die alten Geschichten vom Überlebenskampf haben heute einen neuen, existenziellen Glanz. Da passt es gut, dass sich Buchmanuskripte, Kunstwerke und Hape Kerkelings komödiantische Endlosschleifen zu einer Ausstellung gefügt haben, die noch bis Anfang Juni in Oldenburg zu sehen ist. Im Landesmuseum "Natur und Mensch" gibt man sich Tierisch moralisch – Untertitel: Die Welt der Fabel in Orient und Okzident. Eine Schau voller Überraschungen und kleiner Wunder. Denn die Fabel, das wird hier deutlich, geht keineswegs auf den guten alten Äsop zurück. Sie stammt ursprünglich aus Mesopotamien, dem heutigen Irak. Und sie ist zu uns gelangt durch die alte Kulturbrücke zwischen Indien, Persien und der arabischen Welt, die es schon Goethe angetan hat.

Gleich am Eingang der Ausstellung ruht in der Vitrine eine dunkelbraune Tontafel, in Keilschrift eingemeißelt ist die Geschichte von der Mücke und dem Elefanten. Eine Mücke trifft einen Elefanten und sagt: "Bruder, hast du etwas dagegen, wenn ich eine Weile auf deinem Rücken sitze? Nur bis zur nächsten Wasserstelle, dann steige ich ab." Der Elefant brummt: "Bleib nur sitzen oder lass es bleiben. Ich habe dich nicht bemerkt, als du dich niedergelassen hast, und ich werde es nicht bemerken, wenn du fort bist. Lass mich einfach in Ruhe und verschone mich mit deinen Kommentaren."

Welch wunderbare Art, sich über die Wichtigtuer dieser Welt lustig zu machen! Offenbar gab es schon vor viereinhalbtausend Jahren Individuen, die sich für unersetzlich hielten und ihren Stellenwert grotesk überschätzten. Eine Tierfabel sagt eben mehr als tausend Worte. Nur der agile, intelligente Realist hat im Reich der Fabel eine Chance. Aber manchmal braucht auch ein Löwe, der sich im Netz hat fangen lassen, die nagende Hilfe einer Maus.

In die Welt gesetzt hat die fabelhafte Schau in Oldenburg ein kleiner, agiler und stets gut gelaunter Mann mit Bart, der aus Syrien stammt: der Museumsdirektor Mamoun Fansa. Er verkörpert, was wir deutsch-arabischen Dialog nennen. In seinem kleinen Museum hat er ein paar beachtliche Großausstellungen zusammengetragen. Über Saladin und die Kreuzritter zum Beispiel. Jetzt geht er – erstmals in einer Ausstellung – der Geschichte der Fabel im Ost-West-Dialog nach, sinnlich und mit fast barockem Vergnügen. Durch künstliche antike Tore steigt der Besucher von Epoche zu Epoche durchs Museum, verfolgt die Lesarten und Illustrationen einer der berühmtesten indischen Fabelsammlungen, die über Persien und die arabische Welt nach Europa gelangte und ein Weltbestseller wurde: das Buch der beiden Schakale Kalila und Dimna, dessen schönste Handschrift in der Münchner Staatsbibliothek aufbewahrt wird.

In Oldenburg sind die einzigartigen sand- und goldfarbenen Seiten des Manuskripts aus dem 14. Jahrhundert als Hologramme lesbar, die Seiten können virtuell umgeschlagen werden. Die Umrisse von Schakalen, Löwen, Kamelen und Eseln zieren das Museum auch als große Wandbilder, neben ausgestopften Tieren aus dem Fundus dieses Kultur- und Naturmuseums.