Claude Lanzmann: Ein Leben – Seite 1

Die Guillotine – allgemeiner gesagt, die Todesstrafe und die verschiedensten Arten ihrer Verabreichung – ist das, was mich mein Leben lang beschäftigt hat." Der erste Satz seiner Memoiren geht nieder, schnell, machtvoll wie das Messer des Scharfrichters, ein Überraschungsschlag. Claude Lanzmann, der Regisseur von Shoah, der so oft gesagt hat, dass er dem Tod ins Gesicht gesehen habe, bekennt eine Art Obsession: die Angst vor Enthauptung. Das gesamte erste Kapitel seiner Memoiren, die unter dem Titel Le lièvre de Patagonie (Der patagonische Hase) gerade im französischen Original erschienen sind und aus denen wir hier einen Auszug drucken, ist dieser Obsession gewidmet.

Der "Hass gegen die Todesstrafe, in welcher Form auch immer", ist die "tiefe Wahrheit" seines Lebens, der Faden, der alles verbindet, der alles zusammenhält. Er darf als eine Art Leseanleitung dienen für ein Buch, das die Chronologie nicht respektiert, das kreuz und quer springt durch ein Leben und seine Kämpfe, durch etliche Länder und das wie selten ein Werk Spiegel seiner Epoche ist, des 20. Jahrhunderts.

Wenige Jahre nach dem Krieg geht Lanzmann nach Berlin: "Ich liebte und liebe immer noch Berlin, und nie werde ich dahinterkommen, was die ehemalige Reichshauptstadt, heute Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland, eigentlich für mich bedeutet." In dem Auszug seiner Memoiren, den wir umstehend drucken, berichtet er von seinen Erfahrungen als Lektor und Dozent an der Freien Universität: Der Krieg ist vorbei, Berlin liegt noch in Trümmern. Zu Lanzmanns großer Überraschung und aller Entnazifizierung zum Trotz haben die Nazis an der Uni noch das Sagen. Auf Bitten der Studenten hält er ein Seminar über Antisemitismus ab. Sie lesen Jean-Paul Sartres Überlegungen zur Judenfrage. "Zu politisch", urteilt der französische Militärattaché, das Seminar wird verboten, Lanzmann bespitzelt. Am Ende veröffentlicht er einen Artikel über die Vorgänge in der Berliner Zeitung, der für einen Skandal sorgt: FU-Rektor Edwin Redslob, nach dem heute eine Straße in Berlin benannt ist, muss seinen Posten quittieren. Für den jungen Lanzmann ist es der Beginn einer Karriere als streitbarer Journalist.

Lanzmann, 84, wohnt in der Nähe des Friedhofes von Montparnasse, unweit der Rue Schoelcher, in der er einige Jahre mit Simone de Beauvoir gelebt hat. Für ihn sind es nur wenige Schritte in die Vergangenheit. Er öffnet selbst die Tür, begrüßt den Gast, sein Rücken ist leicht gebeugt, aber immer noch hat er die Anmutung eines Boxers, ein Mann ohne Hals, wie er selbst sagt, vielleicht, weil sich seine Physiognomie seiner einzigen Angst angepasst hat, der vor der Guillotine.

Hätte er als junger Mann, der als französischer Jude in der Résistance gekämpft hat, sein Leben opfern können, um andere nicht unter Folter zu verraten? Bis heute hat er keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Er weiß nur, wie sehr er hängt an diesem Leben, das er liebt, "abgöttisch", wie er schreibt, und das er jetzt, da es sich seinem Ende nähert, sogar noch mehr liebt.

Wer so hängt am Dasein, muss den Tod für einen Skandal halten. Nicht nur den eigenen. Der Mord an sechs Millionen Juden, an "meinem Volk", wie er sagt, wird ihn zwölf Jahre lang beschäftigen. So lange dauern die Recherchen und Dreharbeiten zu Shoah – dem Meisterwerk über den Tod, diesen Meister aus Deutschland.

Claude Lanzmann: Ein Leben – Seite 2

Genau dort zieht es ihn 1947 hin. Ausgerechnet. Er studiert mit einem Stipendium der französischen Militärregierung in Tübingen, es gibt zwei Mahlzeiten am Tag und ein beheiztes Zimmer umsonst. Er liest Leibniz im Original und sieht sein erstes Konzentrationslager. Im Jahr darauf, 23 ist er erst, bekommt er den Lehrauftrag an der Berliner FU.

Bis heute hat Lanzmann das Rätsel nicht vollständig geklärt, weshalb er damals nach Deutschland gegangen ist. Er empfand einen Widerwillen gegen den Osten, und der begann für ihn auf der anderen Seite des Rheins. Aber er wollte diese Deutschen in Zivil sehen, ohne Uniform. Und Deutschland war für ihn trotz alledem die Heimat der Philosophie geblieben. Wobei, korrigiert er sich dann: "Wir ahnten damals noch nicht das Ausmaß des Verbrechens. Der Krieg war noch zu nah."

Es sind die Memoiren eines Mannes, der dieses Wort hasst. Tatsächlich handelt es sich nicht um eine Lebensgeschichte im strengen Sinne, eher um Geschichten eines Lebens, das alles andere als belanglos war. Seine frühe Erfahrung der Verfolgung macht ihn gierig auf das Leben, so gierig, dass er oft ganz nah am Tod vorbeigeht. Aber jenseits der Heldengeschichten ist dieses Buch natürlich vor allem interessant, weil Lanzmann als Journalist und Filmemacher wie nur wenige in seinem Jahrhundert stand. In alle Debatten hat er sich eingemischt, über die Entkolonialisierung französisch besetzter Gebiete, die Studentenrevolte, die Gründung des Staates Israel. Er war erst Mitarbeiter der Temps Modernes, später, und das bis heute, Herausgeber der Zeitschrift, ein Weggefährte Sartres und nicht zuletzt Lebensgefährte der Beauvoir, ihr "siebenter Mann", wie sie ihn nannte, der Einzige, mit dem sie es unter einem Dach ausgehalten hat.

Le lièvre de Patagonie ist ein schnelles, ein unberechenbares Buch, das im Zickzack sich bewegt: halb Zeitdokument, halb Lebensgeschichte, ein Geschichtsbuch der Moderne, das sich zum Teil wie ein Krimi liest, ein Abenteuerroman, der anrührt, aber auch zum Lachen bringt, sicher nicht pornografisch, aber alles andere als prüde, halb Konfession, halb Hagiografie, denn auch ein wenig selbstverliebt. Kaum war das Buch erschienen, hatte es auch schon die französischen Bestsellerlisten erobert. Es gab regelrechte Elogen, und Lanzmann, der Filmemacher, war plötzlich ein großer Literat. Er selbst hatte nie daran gezweifelt: "Ich wusste immer, dass ich ein großer Schriftsteller bin." Seine größte Freude wäre es, gesteht er, wenn eines Tages Auszüge seines Buches in französischen Schulbüchern stünden. "Ich bin stolz, dabei demütig, aber weder eitel noch bescheiden."

Aber warum der Hase? Lanzmann erklärt im Buch, wie es zu dem rätselhaften Titel kommt. Wer Shoah gesehen hat, wird sich vielleicht an eine kurze, zentrale Szene erinnern: Man sieht einen Hasen, der im schnellen Lauf vom Stacheldraht des Lagers Auschwitz-Birkenau gestoppt wird. Der Hase hält inne, dann schlüpft er unter dem Todeszaun hindurch. Über den Bildern liegt die Stimme von Rudolf Vrba, einem der wenigen, denen die Flucht aus Auschwitz gelungen ist.

Wenn er die Wahl hätte, sagt Lanzmann, würde er gerne als Hase wiedergeboren werden. Glaubt er wirklich an Reinkarnation? Sein Buch, sagt er, handelt fast ausschließlich davon.