Der Computerwissenschaftler speiste in eine Simulation alle bekannten Gesetze über soziale Netzwerke ein und beobachtete, welche Auswirkung dies auf den Body-Mass-Index der einzelnen Individuen hatte. Schon nach wenigen Durchläufen stellte sich heraus, dass sich die Menschen nach Gewichtsklassen separieren. "Wenn einmal solch eine Ballung entstanden ist", so stellte Bahr fest, "dann hat sie die Tendenz, sich selbst zu stabilisieren." Mit anderen Worten: Wer einmal umgeben ist von dicken Verwandten, Nachbarn und Freunden, wird in aller Regel nach einer Diät rasch wieder zunehmen. Nur wer räumlich oder sozial am Rande einer solchen Dickengruppe steht, hat eine Chance, auf Dauer Pfunde zu verlieren. Für die Teilnehmer von Katarina Witts Abnehmshow The Biggest Loser ist das kein gutes Omen.

Nicholas Christakis fand außerdem Hinweise darauf, dass die Stellung im Netzwerk auch von den Genen abhängig ist. Das Erbgut beeinflusst, ob Menschen eher im Zentrum oder am Rande von sozialen Netzwerken stehen, ob sie eher ängstlich-schüchterne Mauerblümchen sind oder kontaktfreudig und gut vernetzt. Wobei sich das Talent zum Partylöwen je nach Umstand positiv oder negativ auswirkt. "Mehr Freunde zu haben heißt in manchen Situationen mehr Unterstützung und in anderen mehr Konflikte", schreibt der Autor.

Geselligkeit ist der Jungbrunnen der japanischen Hundertjährigen

Die politische Aufgabe bestünde darin, Impulse in die richtige Richtung zu geben. Aber die sozialen Faktoren werden in der bisherigen Gesundheitspolitik noch viel zu wenig berücksichtigt. Dabei hätten die Erkenntnisse der Netzwerkmediziner gerade in einer alternden Gesellschaft große Bedeutung, wie das Beispiel der Senioren von Okinawa lehrt. Auf der japanischen Insel leben weltweit die meisten Hundertjährigen, und das führen Mediziner nicht nur darauf zurück, dass sich die Alten auf Okinawa kalorienarm und fischreich ernähren, sondern auch darauf, dass sie viel zusammen unternehmen: Kochkurse, gesellige Tanzvergnügen und kollektives Fischen stehen auf der Insel hoch im Kurs. Die Senioren, so heißt es auf Okinawa, hätten viel ikigai – das Gefühl, etwas zu haben, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen.

In dieser Hinsicht hat Deutschland noch einigen Nachholbedarf. Denn nirgendwo sonst in der Welt suchen Menschen so oft ihren Hausarzt auf wie in Deutschland. Auch bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf rangieren die Deutschen europaweit in der Spitzengruppe; fragt man sie dagegen nach ihrem Befinden, belegen sie einen abgeschlagenen 17. Platz in Europa. Die Bundesbürger zahlen also viel für ihre Gesundheit, fühlen sich aber dennoch schlecht. Das mangelnde Wohlbefinden der Deutschen, so analysierte kürzlich die britische New Economics Foundation, sei auch eine Folge unterdurchschnittlicher sozialer Kontakte zur Familie oder zu Freunden.

Offenbar ist uns in den vergangenen Jahren zunehmend der Gemeinsinn verloren gegangen. Der Anteil jener Westdeutschen, die einen Menschen haben, dem sie sich in schwierigen Zeiten anvertrauen können, sank zwischen 1996 und 2001 einer Befragung zufolge von 50 auf 25 Prozent. Und Jugendliche treten immer seltener einem Verein bei. Zugleich weiß jeder Hausarzt, dass in seiner Praxis viele Menschen sitzen, die nicht im eigentlichen Sinne krank, sondern lediglich einsam sind. So gesehen durchleben wir derzeit nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern seit Längerem bereits eine Rezession des "sozialen Kapitals", wie es der Soziologe Pierre Bourdieu nannte . Besonders ausgeprägt ist der mangelnde Zusammenhalt nach der Heinz Nixdorf Recall Study in den unteren Schichten.

Doch die Gesundheitspolitiker appellieren immer wieder an die Verantwortung des Einzelnen. "Wenn wir alle mehr Verantwortung für unsere eigene Gesundheit übernehmen würden, hätten wir viel weniger Menschen mit Rückenleiden, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankung", sagt etwa Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und fordert "jeden Tag 3000 Schritte extra".

Das sei "Nonsens", sagt Rolf Rosenbrock, Sozialwissenschaftler vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, "sosehr ich Ulla Schmidt schätze". Solche Kampagnen dienten nicht der Gesundheit der Bevölkerung, sondern nur dem Absender der Botschaft: "Damit der ein gutes Gewissen und ein gutes Image hat." Statt nur das Individuum in den Blick zu nehmen, müsse es darum gehen, Handlungsfähigkeit in Gruppen herzustellen und Vertrauen zu stiften, sagt Rosenbrock. "Gute Interventionen sind solche, wo Lebenswelten sich selbstständig ändern und die Profis nur den Anstoß dazu geben." Solch eine Intervention kann zum Beispiel eine Verbesserung der betrieblichen Kommunikation sein oder auch die gute alte Gemeindeschwester, die übers Land fährt, um die Menschen zueinander zu bringen.

Wie eine Kampagne funktionieren kann, zeigt die amerikanische Antirauchkampagne Truth. Anstatt mit Gesundheitsschäden zu drohen, klärte Truth Teenager über die Marketingstrategie der Tabakkonzerne auf. Auf Wänden stand in großen Lettern "Die Tabakindustrie ist nicht dein Freund". Hatten die Jugendlichen bis dahin geglaubt, Rauchen sei eine Art Rebellion gegen die Erwachsenen, dämmerte ihnen jetzt, dass sie nur ausgenutzt worden waren. Zusammen mit verschärften Gesetzen gegen das Rauchen in Innenräumen war die Kampagne ein durchschlagender Erfolg: 300000 Teenager weniger fingen das Rauchen an.

Die Medizin der sozialen Netzwerke lehrt, dass der öffentlichen Gesundheit durch eine Stärkung des Gemeinsinns mehr geholfen wäre als durch ständige Investitionen in die Apparatemedizin. Der Kegelverein auf Rezept? Warum nicht.

Mitarbeit: Ulrich Schnabel