Ist Barack Obamas neue, sanfte Weltpolitik schon gescheitert? Gerade hat der atomare Schurkenstaat Nordkorea sich unter Beschimpfung der Vereinten Nationen aus den diplomatischen Verhandlungen über sein Nuklearprogramm zurückgezogen. Irans Präsident Ahmadineschad hat, in einer Rede und in einem Spiegel- Interview, Kompromisse bei der Atompolitik seines Landes abgelehnt: "Diese Diskussionen sind veraltet. Die Zeit ist vorbei." Ein paar nette Worte über Obamas kulturelle Sensibilität ändern nichts an der Substanz der iranischen Botschaft: Wir machen weiter. Verfechter außenpolitischer Härte, die den kompromissbereiten, selbstkritischen Ansatz des US-Präsidenten für naiv halten, können triumphieren: Entgegenkommen bedeutet Schwäche, und Schwäche wird ausgenutzt. Bei keinem anderen Thema hat Obama sich so exponiert, nirgends sonst hat er so demonstrativ zu verstehen gegeben, dass er Konfrontation durch Entspannung ersetzen will, wie in der Iranpolitik. Wahrscheinlich werden die Amerikaner demnächst ihre Forderung nach sofortigem Stopp der iranischen Urananreicherung zurücknehmen – ein gewaltiger, jahrelang undenkbarer Schritt. Die feindselige Unerreichbarkeit, die aus Ahmadineschad spricht, muss Obamas politische Person und Philosophie im Kern treffen.

Man kann es aber auch genau umgekehrt sehen: Ahmadineschad ist hilflos – ein Antiimperialist, dem der Imperialismus abhandengekommen ist. Seine Masche, auf jede Frage mit einer Gegenfrage zu erwidern, sein Insistieren, es sei noch gar nichts geschehen, Obama bloß ein Versprechen, der Ball immer noch im amerikanischen Feld – das alles wird zum Ausdruck der Verlegenheit: Er hat keine Antwort auf eine einladende Politik der Vereinigten Staaten, er hat im Grunde überhaupt keine eigene Politik; er kann nur noch auf Zeit spielen. Nicht bloß Ahmadineschad, auch der venezolanische Populist Hugo Chávez, bis zu einem gewissen Grade sogar Russlands Wladimir Putin haben von der Hybris der USA gelebt, von der heimlichen oder offenen Sympathie, auf die sie als freche Herausforderer der "Hypermacht" beim globalen Publikum zählen konnten. Obama ist dabei, dieser parasitären politischen Existenzform, die für ein Jahrzehnt die spaßigste Rolle auf der Weltbühne war, die Grundlage zu entziehen. Und er macht mit seiner Strategie weiter: Die US-Regierung wird die Sanktionen lockern, die seit Jahrzehnten gegen das kommunistische Kuba bestehen. Das Castro-Regime hat lange genug von seinem Image als pfiffiges gallisches Widerstandsnest gegen das Imperium unserer Zeit profitiert und soll auf diesen Ruhm künftig verzichten.

Welche Chancen man Barack Obama gibt, wie viel Veränderung der globalen Politik man ihm zutraut, das hängt vom eigenen Weltbild ab. Wer nur an die Macht (gelegentlich ein bisschen durcheinandergewirbelt durch ideologischen oder religiösen Fanatismus) glaubt, wer Politik für eine Art Physik aus kalten Interessen und heißen Wahnvorstellungen hält, der wird die typischen Akte und Auftritte des neuen US-Präsidenten im Grunde für irrelevant halten. Was bringt es denn, dass Obama sich zur amerikanischen Verantwortung für den ersten Atombombenabwurf bekannt oder aus Anlass des Völkermords an den Armeniern über die Schwierigkeiten der Vereinigten Staaten beim ehrlichen Umgang mit der eigenen Vergangenheit gesprochen hat? Wer dagegen in der Weltpolitik noch etwas anderes sieht – eine internationale öffentliche Meinung, den Wettstreit von Ideen, nicht nur Staaten und Regierungen, sondern auch Völker –, der wird den neuen Ansatz für vielversprechend, womöglich für epochemachend halten. Und das dürfte der Wahrheit näher kommen.

Das Verhältnis zwischen Amerika und Iran ist komplett neurotisch

Gerade das iranisch-amerikanische Verhältnis ist ein Musterbeispiel. Es ist alles andere als ein bloßer Machtkonflikt, sondern komplett neurotisch; und nicht bloß, weil Ahmadineschad ein abenteuerlicher Wirrkopf wäre. Beide Seiten sind tief traumatisiert – die Iraner fühlen sich mit kolonialer Einmischungspolitik verfolgt, seit die Vereinigten Staaten 1953 den demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Mossadegh mit einer Geheimdienstaktion stürzten; für die Amerikaner bedeutete es eine bis heute nicht verwundene Demütigung, dass die islamischen Revolutionäre 1979 die US-Botschaft in Teheran besetzten und das diplomatische Personal mit einer mehr als einjährigen, quälend inszenierten Geiselhaft erniedrigten. Diese Verspannungen polittherapeutisch zu bearbeiten, sich dem ewigen iranischen Verlangen nach gebührender Anerkennung zu widmen, mit dem Gebrauch des Staatsnamens "Islamische Republik" eine Art ideologisches Nichtangriffsversprechen abzugeben, wie Obama es getan hat – das alles ist kein gutmenschlicher Umweg, sondern zielt auf das amerikanisch-iranische Kernproblem, das auch hinter der ganzen vertrackten Atomfrage steckt. Natürlich kann es passieren, dass sich die Führung in Teheran genau dieser Normalisierung verweigert, dass sie sich an die lieb gewordene Neurose klammert. Aber sie würde sich damit auf peinliche Weise ins Unrecht setzen, nicht nur vor der Weltöffentlichkeit, sondern auch vor der eigenen Bevölkerung. Und das ist in einem Land, in dem ab und zu halbwegs frei gewählt wird, nicht ganz ungefährlich.

Bush wollte Krieger und Prophet sein, Obama ist Lehrer und Arzt

Anders als George W. Bush, der die Welt (notfalls mit Waffengewalt) zur Demokratie bekehren wollte, hat Barack Obama keine außenpolitische Großphilosophie formuliert; der vermeintliche Idealist ist gerade kein Missionar. Bei allem spektakulären Charisma hat seine Gestalt etwas fast Abstraktes und Neutrales, etwas von fleischgewordener Richtigkeit und Einsicht, von absolutem Common Sense. Wollte Bush ein Krieger und ein Prophet sein, so ist Obama ein Lehrer, womöglich sogar ein Arzt. Selbst seine Vision einer Abschaffung aller Atomwaffen ist zwar ehrgeizig, vielleicht auch unrealistisch, aber kein weltanschaulich kontroverses Projekt wie Bushs Freiheitsoffensive. Obama tritt als Anwalt der kollektiven Vernunft im globalisierten, allseitig vernetzten 21. Jahrhundert auf. Man darf sich das trotzdem nicht spannungsfrei vorstellen. Für Russland etwa ist es vernünftig, einer möglichen iranischen Atombewaffnung entgegenzutreten – ein neuer, verhaltensgestörter Nuklearstaat direkt an der eigenen Grenze wäre kaum im nationalen Interesse. Dagegen freilich stand lange der Reiz, den übermächtigen, arroganten Vereinigten Staaten eins auszuwischen, indem man ihre Eindämmungspolitik gegen das Mullah-Regime (ein bisschen) durchkreuzte.