Eine Frau sitzt allein in einem Café in der Großstadt Berlin, sie hat einen Kaffee getrunken. Sie schaut aus dem Fenster, spiegelt sich in der Scheibe. Man sieht der Frau ins Gesicht. Sie fällt auf. Ein Passant könnte sich im Vorbeigehen für sie interessieren. Nur umsonst ist das nicht. Der Kaffee hat etwas gekostet.

Diese Szene hat unser Fotograf inszeniert, um die Soziologin Eva Illouz in ein Bild zu setzen, das ihr Forschungsthema illustriert. Aber ebenso gut könnte man sagen: Der moderne Kapitalismus hat die Szene möglich gemacht. Das wäre vor 1900 kaum denkbar gewesen: eine Frau allein im Café, wo sie sich etwas Wahrnehmbarkeit kauft und auch andere wahrnehmen kann. Dies ist ein Ausdruck jener europäischen Emanzipationsgeschichte der Neuzeit, in der Individuen freier werden und unverwechselbar sein wollen. Besonders in ihren privaten Gefühlen. Sie wollen der Welt mal entkommen. Und ausgerechnet die Welt der käuflichen Güter hilft ihnen dabei.

Was macht die moderne Ökonomie mit unseren Gefühlen, fragt Eva Illouz, Professorin für Soziologie in Jerusalem, wie prägt sie unsere Individualität, wie machen wir uns für andere und am Markt interessant? Die Quellen, die Illouz durchforstet, sind vor allem solche westlicher Gesellschaften, sie reichen von der Belletristik über klassische Interviews, Frauenzeitschriften, Werbeblätter und Fernsehshows bis zu den Kontaktbörsen im Netz. Illouz zeigt empirisch: Die Konsumkultur, die sozialen Beziehungen und die unverwechselbare Individualität sind heute so eng ineinander verwoben, dass Ökonomie und Gefühle nicht mehr zu trennen sind.

Besonders ist die Liebe verstrickt: Als die Soziologin vor ein paar Jahren, bei den Arbeiten zu ihrem Buch Konsum der Romantik, mit dem sie weltbekannt wurde, herausfinden wollte, was Menschen als einen romantischen Augenblick empfinden, haben die Befragten ihr geantwortet, als habe sie sich nach dem ökonomischen Verhalten erkundigt. Romantisch sei es, sagten die Interviewpartner, das alltäglich Übliche hinter sich zu lassen, um einzigartig zu zweit zu sein, und diese Erfahrungen von Einzigartigkeit beschrieben sie als Formen des Konsums von Verbrauchsgütern, von Produkten der Freizeitindustrie.

Wer verliebt ist, kauft Kinokarten, fährt mit dem alten Saab und einem Rotwein an eine einsame Flussböschung, überreicht einen Ring auf der Spitze des Eiffelturms oder öffnet bei Chopin-Klängen eine kostspielige Flasche, je nach Milieu und Geldbeutel. Oder in den Worten eines Arztes, den Illouz befragte und der im Buch wie viele andere zu Wort kommt: "Romantik ist diese Art von Scheißrestaurant in der Park Avenue, Wein und Rosen und Blumen." Man kauft das alles, um des persönlichen Glücks willen.

Man könnte Eva Illouz eine Utopieforscherin nennen, denn sie will verstehen, wie die persönlichen Utopien des Glücks, der seelischen Gesundheit und des Wohlstands im "emotionalen Kapitalismus", wie sie ihn nennt, funktionieren. Welche Ungleichheiten sie schaffen. Und warum sie so viel Leid und Zerrissenheit erzeugen. Bisher, sagt Illouz, hat man in der Sozialforschung, etwa der Frankfurter Schule, die Utopie eher gesellschaftlich und politisch verstanden. Sie sollte die bessere Zukunft einer Gesellschaft entwerfen. Überdies war die Forschung zumeist normativ angelegt, sie wusste also vorab, was das Glück ist, das Menschen erlangen sollten.

Als empirisch arbeitende Soziologin befragt Illouz hingegen die Menschen selbst, was sie anstreben und für ihr Glück halten, woran sie leiden und was sie gewinnen. Potenziell gewinnen sie durch den emotionalen Kapitalismus sehr viel: Einzigartigkeit, Wohlstand, Arbeit, Bildung, Liebe, Gesundheit, Freunde, Freiheit. Faktisch aber strampeln sie, in lauter leidvolle Widersprüche verstrickt, durch ihr Leben und suchen die Ursachen dafür meist bei sich selbst.