Wrist

Manuel Rosenkranz predigt. Es ist Ostersonntag, später Vormittag, auf dem Petersplatz in Rom nähert sich der Papst dem "urbi et orbi", Deutschland sucht Ostereier, und Manuel Rosenkranz, der arbeitslose Werkzeugmacher, klappt im Gebetsraum der Brüdergemeinde in Wrist den Deckel seines Notebooks auf und wirft das erste Bild einer PowerPoint-Präsentation an die Leinwand hinter dem Predigerpult. Es zeigt zwei Osterglocken.

Wozu ein Rückblick auf Ostern? Was hat das christliche Fest der Auferstehung mit der Wirtschaftskrise zu tun? Die Antwort ist, dass diese Krise einen gottesfürchtigen Christen wie Manuel Rosenkranz auf andere Weise trifft als die glaubensferne Mehrheit, die ihre Religion allenfalls zu den Festtagen herausputzt und hernach zur gelegentlichen Verwendung wieder ablegt. Familie Rosenkranz, so typisch sie mit ihren zwei Kindern, ihren Haustieren, ihrem Eigenheim und ihrem Mittelklassewagen für Deutschland und seine Bewohner sein mag, gehört in dieser Hinsicht einer Minderheit an. Ihre kleine evangelikale Gemeinschaft, die Brüderbewegung, hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert und bildet heute einen winzigen Wirbel in einer weltweit wachsenden christlich-konservativen Geistesströmung. Auch in Deutschland wächst diese Bewegung, weshalb der Glaube der Familie Rosenkranz in gewissem Sinne eben doch typisch ist – vielleicht weniger für die Gegenwart als für die Zukunft.

Wahrscheinlich ist Manuel Rosenkranz in seinen Überzeugungen dem Papst viel ähnlicher als den meisten anderen Deutschen. Und doch ist kaum ein größerer Gegensatz denkbar als der zwischen dem pompös zelebrierten Apostolischen Segen Benedikts XVI. auf dem Petersplatz in Rom und der schlichten Laienpredigt des arbeitslosen Werkzeugmachers in der umgebauten Molkerei, die der Brüdergemeinde in Wrist als Missionshaus dient. Als wolle er betonen, dass allein Gottes Wort im Mittelpunkt stehe, spricht er von der Seite des Gebetsraumes aus, während die Besucher des Gottesdienstes auf Bilder mit biblischen Szenen und auf Zitate blicken, die er ausgewählt hat.

Es geht, natürlich, um die Wiederauferstehung. Aber es geht auch um Glaubenszweifel, um die Zweifel des Apostels Thomas, der die Wundmale Christi mit eigener Hand ertasten wollte, ehe er zu glauben bereit war, und um allerlei bekehrte Zweifler, deren Beispiele der Gemeinde nun als Vorbilder dienen sollen. Selig sind die, die keinen Beweis brauchen, "die nicht sehen und doch glauben", wie Johannes es schrieb – darauf will der Prediger hinaus.

Manuel Rosenkranz selbst kennt keinen Zweifel. Als Beweis für die Richtigkeit des Christentums, sagt er, genüge ihm die Bibel. Meist hat er sie bei sich, ein Exemplar der besonders texttreuen Elberfelder Ausgabe, das ihn seit seinem fünfzehnten Lebensjahr begleitet, inzwischen versehen mit einem eigenen Register und zahllosen sorgfältig ausgeführten Unterstreichungen.

Er ist in die Brüderbewegung hineingeboren worden, genau wie seine Frau, deren Vater die Gemeinde in Wrist aufgebaut hat, durchaus in missionarischer Absicht. An diesem Ostersonntag, zum höchsten Fest der Christen, ist das Missionshaus nicht voller, sondern leerer als gewöhnlich, weil viele aus der Gemeinde über die Festtage verreist sind. An die 30 Besucher hat der Gottesdienst, alle Generationen sind vertreten. Arbeiter, Akademiker, "ganz normale Leute", wie Manuel Rosenkranz sagt. Er selbst hat Zeit, die Predigt zu halten, weil er das jährliche Familientreffen im Westerwald aus Kostengründen gestrichen hat. Die Verwandten hätten den vier Wristern die Reise wohl bezahlt, aber Hilfe wollen sie erst annehmen, wenn es nicht mehr anders geht.