Pilane kommt gerade von der Morgenwäsche am Strand und lässt sich neben den schattigen Eingang eines Supermarktes nieder. Jeden Tag hängt er hier herum und bettelt. Außer ein paar Fetzen am Leib hat er nichts, kein Geld, keinen Job, keine Hoffnung. "Schau mich an: Ich stinke und hungere!" Pilane Masa, 34 Jahre alt, redet, als sei sein Leben schon gelaufen. "Unsere politischen Führer haben Leute wie mich vergessen. Sie haben alles versprochen, Bildung, Arbeit, eine bessere Zukunft. Aber gehalten haben sie nichts. Ich werde nicht mehr wählen." Pilane könnte auch gar nicht wählen, denn vorgestern ist sein Ausweis verbrannt – ein Buschfeuer hat sein Notlager im Freien zerstört. Man braucht das Dokument, um sich als Wähler registrieren zu lassen.

Ein schwarzer Südafrikaner in der Lebensmitte, völlig desillusioniert, chancenlos wie eh und je. Und an den Beinen schwärende Brandwunden. Die Euphorie vor 15 Jahren ist nur noch matte Erinnerung, damals, als die Apartheid abgeschafft wurde und der 19-jährige Pilane zum ersten Mal wählen durfte. Natürlich stimmte er für seinen Helden Nelson Mandela und dessen Befreiungsbewegung African National Congress (ANC). Bei den Wahlen am 22. April treten keine Helden mehr an, und Lucky Masa ist der ganze Zirkus ohnehin egal, weil aufgrund der Mehrheitsverhältnisse längst entschieden ist, wer der nächste Präsident wird: Jacob Zuma wird es sein, der umstrittene Spitzenkandidat des ANC, der wegen Vergewaltigung angeklagt war und unter massivem Korruptionsverdacht steht.

Wer Präsident wird, steht fest. Die Frage ist nur, wie hoch er gewinnen wird

Dennoch ist dieser Urnengang der wichtigste seit der Wende anno 1994. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass der ANC wieder eine Zweidrittelmehrheit im Parlament erringt. Dann könnte der Volkstribun Zuma schalten und walten, wie es ihm beliebt, und bei Bedarf sogar die Verfassung verbiegen. Es geht also um die Frage, ob Südafrika eine funktionstüchtige Mehrparteiendemokratie bleibt, ein Vorbild für Afrika, oder ob es zu einem jener korrupten Ein-Parteien-Regime degeneriert, an denen auf dem Kontinent kein Mangel herrscht.

In Port Elizabeth, der Heimatstadt von Pilane Masa, lässt sich der historische Stellenwert dieser Wahlen gut einschätzen, denn hier sieht man die Probleme des neuen Südafrika wie unter einem Brennglas. Die Küstenstadt am Indischen Ozean war vor zweihundert Jahren ein Brückenkopf der britischen Kolonialherren, auf dem Rathausplatz thront bis heute Queen Victoria in all ihrer Pracht und Hässlichkeit. PE, wie es der Volksmund abkürzt, stieg auf zu einer Wirtschafts- und Handelsmetropole: fünftgrößte Stadt der Kaprepublik, drittgrößter Seehafen, Zentrum der südafrikanischen Automobilindustrie mit Werken von VW, General Motors und Ford. Im Großraum von PE leben 1,3 Millionen Menschen, und man könnte hier eine abgewandelte Version von Charles Dickens’ Tale of two Cities erzählen, eine Geschichte, die von einer reichen weißen und einer armen schwarzen Stadt handelt.

Die arme Stadt liegt in Motherwell, KwaZekhele oder Walmer, in den schier endlosen Townships von PE. Hier draußen wirkt alles riesig, das Meer der winzigen Häuschen, die Müllhalden, die Friedhöfe mit den frischen Gräbern von Aids-Toten. Es hat sich zwar einiges getan seit dem Ende der Apartheid, Schnellstraßen wurden geteert, Stromleitungen verlegt, Trabantensiedlungen gebaut. Aber die neuen Billighäuser sind genauso eng und schäbig wie die alten. Und die Trostlosigkeit ist geblieben.

Die andere Stadt liegt im Westen des Zentrums, in Vierteln wie Summerstrand oder Humewood: weiße Sandstrände, hübsche Häuser und Villen, sattgrüne Kricketplätze, glitzernde Shopping-Malls. Abends, wenn der Mond sein silbernes Licht über den Ozean gießt, trinkt man Sauvignon Blanc und genießt das schöne Leben. Die Gäste in den Strandbars sind fast ausnahmslos weiß. Schwarze, die sich hierher verirren, werden abschätzig beäugt. PE hat die Rassentrennung konserviert, die sozialen Gegensätze sind nach wie vor extrem.