Vor den Toren der niederländischen Kleinstadt Sneek überquert eine spektakuläre Bogenbrücke die vierspurige Autobahn A7. Die Konstruktion ist nicht nur die erste hölzerne Schwerlastbrücke überhaupt – tragende Teile wurden darüber hinaus aus Weichholz hergestellt. Der Trick: Das Kiefernholz wurde hierfür vorbehandelt, »modifiziert«. Accoya, so der Produktname, soll besser als tropisches Hartholz sein. Ob das – zumal beim notorischen niederländischen Nieselregen – stimmt, können Zehntausende von Autofahrern nun täglich überprüfen.

Tropenholz ist härter, länger haltbar, pflegeleichter und gegen Pilz- und Schimmelbefall unempfindlicher als heimische Holzarten. Doch wer Tropenholz kauft, fördert in aller Regel die Zerstörung der Regenwälder. Zwar gibt es mit dem von Umweltverbänden anerkannten FSC-Siegel (Forest Stewardship Council) inzwischen einen zuverlässigen Nachweis für Holz aus ökologisch und nachhaltig bewirtschafteten Wäldern. FSC-Hölzer sind aber noch so selten, dass sie nur einen Nischenmarkt bedienen können.

Doch auch heimische Hölzer, die für den Außeneinsatz tauglich gemacht werden, sind umstritten. Kiefer, Buche und Eiche werden dafür ausgiebig chemisch behandelt. Eine Imprägnierung mit Bioziden soll die Lebensdauer verlängern. Die Mittel sind nicht ungefährlich und machen das Holz nach der Verwendung oft zu Sondermüll.

»Zu schön, um wahr zu sein«, preist die Reklamebroschüre das Accoya-Holz. Das mit Essigsäure behandelte (acetylierte) Kiefernholz sieht tatsächlich schön aus. Und seine technischen Eigenschaften sollen »die der besten tropischen Harthölzer übertreffen«. Die Herstellung sei völlig ungiftig. Tatsächlich tragen die Arbeiter weder Atemmaske noch Schutzkleidung, wenn sie die gewaltige Drucktrommel aus Edelstahl öffnen, in der das Holz einen Tag lang in Essigsäureanhydrid gebadet hat. Die ätzende Chemikalie durchdringt das Holz und senkt so seine Aufnahmefähigkeit für Wasser. Das Holz kann nicht mehr aufquellen und bietet Schädlingen keinen Nährboden.

Manche Details des Verfahrens sind geheim, andere noch unverstanden. Am Ende »erzeugen wir in der Trommel ein Vakuum und pumpen die überschüssige Essigsäure wieder ab«, erklärt Willem Jan Bluyssen vom Hersteller Titan Wood im niederländischen Arnhem. »Die Chemikalie kann gereinigt und wiederverwendet werden, die Harze, die dabei zurückbleiben, können wir verkaufen.« Der Essigsäureanteil im Accoya-Holz macht sich beim Sägen und Hobeln als leicht säuerlicher Geruch bemerkbar. »Trotzdem kann Accoya im Unterschied zu imprägniertem Holz problemlos verbrannt werden«, versichert Bluyssen. Nägel und Schrauben sollten aus Edelstahl sein, sonst wären sie schneller dahin als das Holz, das sie zusammenhalten.

50 Jahre soll Accoya im Außenbereich überdauern, 25 Jahre dort, wo es in der Erde steckt. Das Patent für die sogenannte Holzacetylierung hat Holger Militz vor 15 Jahren am niederländischen SHR Holzforschungsinstitut in Wageningen entwickelt. »Damals war Tropenholz aber noch zu billig«, sagt der Holzwissenschaftler, der inzwischen das Institut für Holzbiologie und Holzprodukte an der Universität Göttingen leitet. »Das Patent haben wir zu einem Schleuderpreis an Titan Wood verkauft.«

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Inzwischen könnte die künstlich hart gemachte Kiefer zum Geschäft werden. Neben die Arnhemer Versuchsanlage, in der Militz die Acetylierung entwickelte, hat Titan Wood jetzt eine moderne Produktionshalle gesetzt. 30000 Kubikmeter Accoya können dort jährlich hergestellt werden – ein Anfang. 40 Sneek-Brücken ließen sich damit bauen. Das FSC-zertifizierte Ursprungsholz dafür stammt aus Neuseeland . Dort wächst Pinus radiata, eine für die Acetylierung besonders gut geeignete Kiefer. Ihre Holzeigenschaften variieren – im Unterschied zur europäischen Kiefer – vom Kern bis zur Borke kaum. Nur so lässt sich eine gleichmäßige Durchdringung mit Essigsäure garantieren. Je eine Herstellungslizenz hat die Firma inzwischen in die arabischen Länder und nach China verkauft.

Für Deutschland hat der Bremer Großhändler Enno Roggemann das Vertriebsmonopol. Er beliefert ausschließlich Handwerksbetriebe – zu Preisen, die deutlich über denen für Meranti liegen. Aus diesem Tropenholz besteht bis jetzt jedes zweite in Deutschland verbaute Holzfenster. »Für Accoya interessieren sich vor allem Kommunen, die beschlossen haben, auf Tropenholz zu verzichten«, sagt Roggemann-Sprecher Lutz Lindner. Doch neben den Folgen für die Umwelt berücksichtigen öffentliche Bauherren – mehr als Privatleute – auch eigene Folgekosten. Da kann sich Accoya sehen lassen. Beim Bau einer Kita im Hamburger Stadtteil Othmarschen hat sich die Behörde für Accoya-Fenster entschieden, weil die Tischlerei garantiert, dass der nächste Anstrich erst in zehn Jahren fällig sein wird. Der höhere Preis kann durch Einsparungen im Unterhalt langfristig ausgeglichen werden.

Wem Accoya zu teuer ist, kann auf eine etwas billigere Alternative ausweichen: Thermoholz. Buchenbretter werden für einige Stunden Heißdampf von rund 200 Grad ausgesetzt. Dabei trocknet das Holz im Inneren so weit aus, dass Mikroben keinen Nährboden mehr finden. »Hitzebehandelte Buche erreicht die Haltbarkeit von Teak«, sagt der Holzwissenschaftler Militz. Allerdings wird Thermoholz leicht spröde, lässt sich somit schlecht verarbeiten und ist für tragende Konstruktionen nur bedingt geeignet. Obwohl es bereits seit Jahren angeboten wird, konnte es sich nur einen sehr kleinen Marktanteil erobern.

Holger Militz hat unterdessen in Zusammenarbeit mit BASF unter dem Markennamen Belmadur ein weiteres Holzmodifikationsverfahren zur Marktreife gebracht. Statt mit Essigsäure wird dabei Buchenholz mit einem sogenannten Textilvernetzer getränkt. Die Chemikalie ist ein Harnstoffderivat (Dimethyldihydroxyurea) und wurde ursprünglich entwickelt, um das Ausleiern von Baumwollkleidung zu verhindern. Die Göttinger Forscher fanden heraus, dass sie auch Holzfasern dauerhaft verbindet, gegen Wasser abschließt und dabei keine giftigen Rückstände hinterlässt.

Eine Fabrik in Brakel produziert bereits Formteile für Gartenmöbel aus Belmadur, noch sind die Mengen aber sehr gering. Das vernetzte Holz wird seit zwei Jahren ausschließlich in einer kleinen Pilotanlage auf dem Ludwigshafener BASF-Werksgelände hergestellt. »Wir planen derzeit eine Neupositionierung des Produkts« – das ist alles, was die Unternehmenssprecherin Angelika Geiger dazu sagen möchte.

»Holzhändler, die früher nur über modifiziertes Holz gelacht haben, sind jetzt interessiert«, sagt Holger Militz. Das hat unter anderem technische Gründe: Architekten und Ingenieure verlangen auch bei diesem Baustoff immer häufiger nach genau definierten mechanischen Eigenschaften wie Festigkeit, Steifigkeit oder Tragfähigkeit. Zudem ist Tropenholz in den letzten Jahren bei abnehmender Qualität deutlich teurer geworden. Doch in erster Linie beruhigen die neuen Hölzer wohl das Gewissen der Kundschaft. Oder, mit den Worten des Göttinger Holzwissenschaftlers: »Der Verzicht auf Tropenholz ist zum Wohlfühlfaktor geworden.«