Ein wenig ist es wie bei Alice auf dem Weg ins Wunderland. Nur, dass dieser Kaninchenbau-Tunnel mitten in Berlin beginnt, hinter einer unscheinbaren Tür an der Friedrichstraße, gegenüber von Schaufenstern, in denen Bentleys und Bugattis still vor sich hin protzen. Der Eingang wäre leicht zu übersehen, wiese nicht die lange Reihe der Wartenden auf ihn hin. Wundersame Dinge trügen sich hinter dieser Tür zu, hatte man mir zugeraunt: Junge Menschen hörten klassische Musik, fernab vom steifen Konzertsaal, lässig, hip, mit Bier in der Hand und Hemd aus der Hose.

Dieses Wunderland ist gelb. Yellow Lounge nennt es die Musikfirma Universal in Anspielung auf das gelbe Logo des Traditionslabels Deutsche Grammophon, das zu Universal gehört. Wenn die junge Generation nicht zur Klassik kommt, so das charmant-trotzige Konzept, kommt eben die Klassik zu ihr. Schon seit 2001 tourt die Yellow Lounge durch die einschlägigen Szenesclubs – und poliert sowohl das Image klassischer Musik als auch die CD-Verkaufszahlen von Universal auf.

Hier, im Club cookies, wird normalerweise zu Elektromusik getanzt. Heute erklingen völlig untanzbare Klavierpräludien, Chor- und Orchesterwerke von Bach bis Philip Glass, oft verbunden durch sphärische Synthesizerklänge. Der DJ David Canisius legt auf; hauptberuflich geigt er im Deutschen Kammerorchester. Leider ist die Anlage auf tiefenlastigere Musik eingestellt und dröhnt entsprechend. Dazu werden Videoprojektionen an die Wand gestrahlt, die an die Darstellung außerirdischer Sphären in Stanley Kubricks Film 2001 – Odyssee im Weltraum erinnern. Was offenbar das Bewusstsein erweitern soll, erzeugt bei mir aber nur Kopfschmerzen.

Zwischen Bar und Bühne wird es schnell eng; die Zuhörer sitzen auf Bierkisten, Tischen, Tresen. Die Kleidung reicht vom Trendsneaker bis zum Lackschuh, vom Ringelshirt bis zum Anzug. "Schicker als sonst, aber weniger stylish", sagt ein langjähriger cookies-Gänger. Dass man so problemlos ins Konzerthaus am benachbarten Gendarmenmarkt hinüberwechseln könnte, ist sicher niemandem bewusst.

Dabei ist das Prinzip des Dresscodes in der Clubszene ja nicht weniger ausgeprägt. Ganz im Gegenteil: Ich habe noch nie erlebt, dass ein Türsteher jemandem den Besuch eines klassischen Konzertes aufgrund unpassender Kleidung verwehrt hätte. Bei angesagten Clubs ist das gang und gäbe.