Robert Wilson hat den Berlinern ein großes Theater-Osterei geschenkt, und es machte den Eindruck, die schwule ebenso wie die nicht schwule Kulturgemeinde hätten lange darauf gewartet. Das Ei knistert und funkelt und strömt betörende Klänge und Erinnerungen aus, wenn man es öffnet. Der Frühlingsjubel wollte hinterher kein Ende nehmen. Es ist herzbeglückendes Dèjá-vu-Theater auf der Basis von 25 ausgewählten Sonetten William Shakespeares, die rezitiert, gesungen oder geraunzt werden, alles perfekt choreografiert und mit der Musik von Rufus Wainwright zu einer Revue komponiert. Das Wilsoneske ist üppig enthalten: die Silhouetten, das geometrische Schreiten, die perfekte Lichtregie. Keiner, der nicht manieristisch seine Hand ins Licht hielte. Alter Text und junger Pop. Im Foyer ließ sich der Pet Shop Boy Neil Tennant fotografieren, der auch ins hippe Berlin gekommen war. Danke, dass wir alle wieder in die frühen Neunziger zurücktauchen durften.

Gibt es außerdem noch etwas zu sagen? Wilson hatte ausgezeichnete Schauspieler zur Verfügung. Die Altstars des Berliner Ensembles, Inge Keller als müde sich selbst zitierender alter Dichter oder Ruth Glöss als Narr, wirken souverän, wie echtes Sprechtheater. Jürgen Holtz als missgelaunte Königin Elisabeth schnauzt das 18. Sonett ganz wunderbar die Rampe hinab, und Christina Drechsler, Traute Hoess und Sylvie Rohrer nutzen das Sehnsuchtswirrwarr der Zitate für wirklich tolle Auftritte.

Das Stück lebt von langen Nasen, schrägen Hüten, eingängigen Melodien

Die Männer spielen also Frauen-, Frauen die Männerrollen. Shakespeares Sonette sind ja nicht nur alteuropäische Liebesdichtung, sondern auch ein Grundtext schwuler ästhetischer Selbstverständigung. Es ist ein bisschen enttäuschend, wie wenig Spannung Wilson aus dem Androgynitätsthema zieht. Eher hat man den Eindruck, hier werde mit dem Großen Will eine Art völkerverständigender erotischer Universalismus inszeniert – Liebe, Flirt, Verschmähtwerden, wildes Heulen und dann Kunstmachen: ein Kreislauf, immer und überall.

Wilsons Arbeiten waren in der Vergangenheit auch deswegen bemerkenswert, weil der Text bei ihm nie im Mittelpunkt des theatralischen Geschehens stand. In seinen besten Inszenierungen gelang es ihm, das Gesagte gleichsam aus dem Schweigen zu modellieren. Durch die Stille, in Bewegung gesetzt von einer betont antinaturalistischen Körperregie, erhielt der Text immer eine Art Vorgeschichte, die die dramatische Erzählung ergänzte, manchmal auch dominierte. Hier ist das nicht gelungen. Hier plappert der Text, auch wenn er spärlich ist.

Aber gibt es denn überhaupt ein Drama vor dem Liebesdrama, das die Shakespearschen Sonette umkreisen? Ja, aber es hat dann halt nichts mit dem Kreatürlichen zu tun, sondern mit dem Ideellen, dem Moralischen, dem Metaphysischen des Liebens. Dieses fremde, zeitentrückte Drama dreht sich um die Urschuld der Selbstbezüglichkeit, des Einzelnen und seiner Kunst, selbst wo er sich in die erotische Endlichkeit verstrickt und durch Dichtung überschreiten will. Dazu hätte Wilson jedoch andere Horizonte aufrufen müssen, das wäre dann kein buntes Oster-Theater geworden.

Rufus Wainwrights versierte Musik verstärkt den Eindruck eines "sinnlichen", aber kaum schmerzlichen Gleichlaufs. Manchmal klingt Wainwrights Musik nach Music Hall, manchmal nach Film, zuweilen auch nach Dreigroschenoper. Es ist ein zitatenreicher Soundtrack, ein professioneller und gelungener. Er setzt den Akteur in Szene, aber er löst dabei die zarte Kohärenz der Szenenfolge endgültig auf. Im zweiten Teil ist das Stück weitgehend Nummernrevue. Die Botschaft ist: Lieb und Leid ist in aller Kultur, von 1609, als diese Dichtungen erstmals erschienen, bis hin zum Ostersonntag 2009 in Berlin, von high bis low, vom Sublimem bis zum Pop, ja bis zur Conference. So erhält auch Georgette Dee ein paar ironisch-kunstbrechende Auftritte, in denen sie zeigt, dass die Liebessehnsucht tief hinab, bis ins Oral-Regressive reicht. Man hat den Eindruck, sie sei vorgeschickt zu sagen: "Habt keine Angst vor Shakespeare, hier geht es um Dinge, die auch ihr versteht." In diesen Augenblicken fühlt man sich als Zuschauer dümmer, als man ist.

Das Stück lebt von langen Nasen und schrägen Hüten, von Zirkussprüngen und langsamen Rotationen. Es lebt von eingängigen Melodien und gutem Vortrag. Ohne solide Schauspielkunst würde es einem auf die Nerven gehen. So aber behaupte keiner, er habe sich nicht amüsiert. Robert Wilson hat mit den Sonetten ein Alterswerk geschaffen, wenn Alterswerk denn eine höhere Form der Heiterkeit bezeichnen soll, charakterisiert durch eine Perspektive über die gewohnten Konstellationen des Theaters und des Lebens hinaus. Etwas, das trostreich zum Tableau strebt und verkündet: Es ist okay so, wie es ist. Das wäre die wohlwollende Deutung des Abends. Dann wäre es vielleicht sogar gerechtfertigt, all das Verzweifelte und Ratlose auszulassen, das Shakespeares Sonette auch auszeichnet und das im Theater ebenfalls seinen Platz hat.