Die Sendung könnte auch einfach "Das Experiment" heißen. Und wenn sie scheitert, dann könnte das am Unterschied zwischen Henning Scherf und Dieter Bohlen liegen. Henning Scherf ist ehemaliger Bürgermeister von Bremen, lebt heute in einer Senioren-WG und wirkt demnächst in der Jury der ZDF-Sendung Ich kann Kanzler mit. Vier junge Deutsche sollen hier ihr Talent zur Politik demonstrieren, dem Sieger winkt als Preis das Monatsgehalt eines Kanzlers (16000 Euro – allerdings nur einmalig) und ein Praktikum im politischen Berlin. Als Zugpferd einer neuen Generation von Politikern ist Scherf bisher nicht in Erscheinung getreten. Auf dem Markt ist er seit zwei Jahren mit dem Buch Grau statt bunt: Was im Alter möglich ist.

Dieter Bohlen, in Diensten des Privatsenders RTL, ist der größtmögliche lebende Henning-Scherf-Kontrast. Als Juror der Show Deutschland sucht den Superstar liefert er dem Boulevard zuverlässig Schlagzeilen sowie RTL die gewünschten Einschaltquoten. Dafür hat er die Kandidaten und vor allem Kandidatinnen routiniert an den Rand der Tränen getrieben – und darüber hinaus. Auch wenn er mit dem ZDF-Projekt nichts zu tun hat, hat Bohlen in Deutschland das Format einer Castingshow definiert: laut, fies, trashig. Wird also bei Ich kann Kanzler die Politik zu Trash verwurstet?

Mittwochmittag, das ZDF-Sendegelände auf dem Mainzer Lerchenberg. Wer mehr herausfinden will über das politische Fernseh-Experiment dieses Jahres, der kann zunächst einmal Geisterjägern bei der Arbeit zusehen: Immer wieder scheint jemand im Gespräch den Geist Dieter Bohlens verscheuchen zu wollen, als wäre er ein ungebetener Gast. "Das Wort Casting wollen wir ja nicht gebrauchen", sagt ein Redakteur leicht schuldbewusst, wenn ihm das Unwort erneut herausgerutscht ist.

Hohn und Spott sind sicher, Erfolg ist nur eine Möglichkeit

"Ich habe keine Probleme mit dem Begriff Casting", erklärt dagegen Bettina Schausten, Moderatorin zahlloser Wahlsendungen und Leiterin der Hauptredaktion Innen-, Gesellschafts- und Bildungspolitik. Ihr und Chefredakteur Nikolaus Brender ist zuzuschreiben, dass Ich kann Kanzler zu einem seltenen Fall von mutigem Fernsehen wird. Schausten griff zu, als die Sendung zur Vergabe anstand. Nun findet eine große Schau mit Unterhaltungsanspruch ausgerechnet unter der Obhut von Politikexperten statt. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Eine Sendung mit politischem Anliegen muss sich als Unterhaltung bewähren. "Wenn man sich im deutschen Fernsehen umschaut, kann man den Eindruck gewinnen, es gehe jungen Leuten vor allem darum, gut zu singen", sagt Schausten, "bei uns geht es darum, für Ideen einzustehen, mit Argumenten umzugehen, sich über Inhalte zu profilieren." Das ist allein schon mutig, denn Hohn und Spott sind dem Vorhaben von Beginn an sicher, der durchaus mögliche Erfolg dagegen ist kaum zu kalkulieren.

Tatsächlich ist das Experiment weit mehr als eine Fernsehsendung – es ist ein politischer Praxistest für die Kanzlerkandidaten übungshalber genauso wie für alle Zuschauer. Bis zum Ablauf der Bewerbungsfrist Ende März haben 2500 Leute zwischen 18 und 35 Jahren erklärt: "Ich kann Kanzler." Etwa 1800 schätzt das ZDF als ernsthafte Interessenten ein. Damit haben sich hierzulande fünf- bis sechsmal mehr junge Leute pro Einwohner gemeldet als in Kanada, wo das Vorbild für Ich kann Kanzler jetzt zum vierten Mal lief.

Kann das sein: Die Unbeliebtheit der Politiker wird bei jungen Deutschen nur von dem Wunsch übertroffen, selbst einer zu werden? Und wer bewirbt sich da? Viel direkter als eine Umfrage oder Studie gibt das Echo Einblick in die widersprüchlichen politischen Vorstellungswelten der anderthalb Generationen, geboren zwischen Mitte der siebziger und Anfang der neunziger Jahre. Das ist der investigative Teil des Experiments. Der subversive richtet sich an die Zuschauer, er spielt mit unseren Gewissheiten im politischen Charakterurteil: Wem glauben wir eigentlich? Was macht politische Ausstrahlung aus? Wem sind wir geneigt zu vertrauen, obwohl wir für unser Urteil nicht mehr haben als ein paar Fernsehbilder?

Schmucklos ist das Büro des Redakteurs auf dem Mainzer ZDF-Gelände, doch auf seinem Laptop ruft er Kandidatenfotos, Lebensläufe und Filme auf, die bunter sind als vieles, was seinen Weg in den Sender findet. "Da entsteht ein ganz anderes Bild von Deutschland, das wir – ehrlich gesagt – im ZDF sonst so nicht abbilden", sagt Bettina Schausten. 500 Bewerber kamen in die engere Auswahl, 40 werden kommende Woche mit kurzen Videos online vorgestellt.