Henry Kissinger ist dafür, George Shultz ist dafür und nun auch Barack Obama: "a world without nuclear weapons", wie der US-Präsident in Prag proklamierte. Diese Welt ohne Nuklearwaffen wird es auch zu Lebzeiten von Obamas Enkeln nicht geben, aber Amerika und Russland könnten sehr wohl ihre A-Arsenale kräftig beschneiden, ohne Phantomschmerzen fürchten zu müssen.

Wie viele sie haben? Das seriöse Bulletin of the Atomic Scientists rechnet den Russen 3113 strategische Sprengköpfe auf Raketen und Flugzeugen zu. Dazu kommen noch 2079 "taktische" Waffen. Insgesamt also 5192. Mehr als genug, um den Planeten Erde zu knacken, aber sehr viel weniger als im kältesten Kalten Krieg, als die Zahl bei 20.000 lag.

Auf amerikanischer Seite: etwa genauso viele, 5163 Waffen, also rund ein Drittel des Bestandes während der Eiszeit. Aber jetzt kommt der Haken. Das ist nur der "operative" Bestand. In Russland kommen noch etwa 9000 "im Keller" dazu, in Amerika lagern knapp 5000 in der Reserve. Fazit: Beide haben zwar im Gegensatz zur landläufigen Meinung heftig abgerüstet, aber es bleibt noch ein Overkill von gigantischem Ausmaß.

Es gibt also viel zu tun auf dem Weg zur atomwaffenfreien Welt. Trotzdem müssen wir das Realistische vom Illusionären trennen. Die beiden Großmächte könnten gewiss ohne Sicherheitsverlust auf 2000 oder gar 1000 reduzieren. Das würde nichts an ihrer Vormachtstellung ändern, auch nicht an der Fähigkeit, jedweden Rivalen abzuschrecken.

Aber eine Null-Waffen-Welt bleibt ein schöner Traum. Wir können uns diese Monster weder wegwünschen noch sie "wegerfinden". In einer atomwaffenfreien Welt wüchse der mörderische Vorteil jener, die ein paar Kernwaffen versteckt hätten. Deshalb wird keine Atommacht ihr Zeughaus ganz leeren. Heute kann Nordkorea schon mit einer Pseudo-Bombe (der Test verpuffte) die Welt in Angst und Schrecken versetzen.

Grundsätzlich gilt: Was in der Welt ist, kann nicht ausgetrieben werden, weil niemand das Wissen in den Köpfen ausradieren könnte. Die Atombombe kann jederzeit wiedererfunden werden, erst recht in einer Welt von Atomreaktoren, Anreicherungs- und Wiederaufarbeitungsanlagen. Weil das alle wissen, werden sie nicht auf null gehen.

Schließlich: Die Status-quo-Staaten werden ihre Arsenale schon deshalb nicht verschrotten, weil draußen Leute wie Kim Jong Il, Ahmadineschad und (früher) Saddam lauern, die sich mit Atomwaffen Instant-Großmachtsstatus zu verschaffen gedenken. Dass die Mächtigen mit gutem Vorbild hätten vorangehen sollen, ist ein frommer Mythos. Erstens haben Amerika und Russland schon radikal reduziert. Zweitens haben alle Bombenbauer – ob Israel, Indien, Pakistan, Iran, Nordkorea oder einst der Irak – aus regionalen Ängsten oder Ambitionen gerüstet, nicht wider das Establishment.