In die goldgelb gestrichene Kantine fallen die ersten Sonnenstrahlen, als Bertil Burian an seinem Frühstückskaffee nippt und vom Glück redet. Er trägt Jeans und eine randlose Brille und ist auf dem Weg zu einem Planspiel für angehende Manager. Nebenan, in einem anderen Teil des Tagungszentrums bei Darmstadt, werden wenig später ein knappes Dutzend Männer mittleren Alters durchspielen, wie sich ein Möbelhersteller mit Absatzschwierigkeiten retten lässt. Einige von Burians Mitstreitern waren am Abend vorher spontan bei Ikea, um zu gucken, was beim Kunden gerade geht. "Die Fortbildung wollte ich sowieso machen, aber es war ein riesiges Glück, dass ich mit dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung einen Sponsor dafür gefunden habe", sagt Burian. Er nutzt das Programm "Qualifizieren statt Entlassen", wonach der Staat die Sozialbeiträge und einen Teil der Bildungskosten übernimmt, wenn ein Unternehmen seine Mitarbeiter in Phasen der Kurzarbeit weiterqualifiziert.

Burians Chefs, die beiden Geschäftsführer eines süddeutschen Holzverarbeiters mit knapp hundert Mitarbeitern, waren sofort einverstanden. Noch ein Glücksfall, wie sein Arbeitgeber überhaupt, sagt Burian. Er ist Assistent der Geschäftsführung, zuständig für Personal. Bis Ende des Jahres will das mittelständische Unternehmen mit Kurzarbeit und ohne Entlassungen durch die Krise kommen – dafür müssen alle auf Einkommen verzichten, auch die Führungskräfte. Auch Burian. "Natürlich ist es ein komisches Gefühl, wenn man mehr arbeiten will und das nicht kann. Und natürlich will man da so schnell wie möglich wieder raus", sagt Burian und verstaut seine Seminarunterlagen in einer schwarzen Umhängetasche. Aber Burian klingt an diesem Morgen nicht nach Krise, Verzicht und Zukunftsangst. Er redet davon, was er gelernt hat, was er im Betrieb verändern will und was das neue Seminar ihm bringt. Er klingt nach Aufbruch und Zuversicht.

Schulungen gibt es nicht für jede kurzfristig angesetzte Arbeitspause

Auch Melanie Nitz, 25 Jahre, ungelernt, hat Glück gehabt. In den vergangenen Wochen jedenfalls. Sie ist alleinerziehende Mutter einer achtjährigen Tochter, sie arbeitet, seit sie 17 ist, und hatte trotzdem selten genug Geld zum Leben für sich und ihr Kind. Zuletzt jobbte sie als Aushilfe in der Produktion von Ford und als Bürohilfe bei der Zeitarbeitsfirma Adecco. Jetzt finanziert das Arbeitsamt ihr einen Computerkurs, weil Adecco Kurzarbeit angemeldet hat und Nitz nur gelegentlich beschäftigt. "Ich kann endlich mal die Programme lernen, die man im Büro braucht und in die ich nie in Ruhe eingearbeitet werden konnte", sagt Nitz. Sie hofft, mit den neuen Kenntnissen einmal so viel zu verdienen, dass sie ohne Zuschüsse vom Sozialamt über die Runden kommt. "Sonst ist man ja kein gutes Vorbild für sein Kind", sagt sie.

Die Krise als Chance: Für Beschäftigte wie Burian und Nitz scheint zu funktionieren, was die Bundesregierung seit Monaten verspricht. "Wir wollen die Krise nicht einfach überstehen. Deutschland soll aus dieser Krise stärker und zukunftsfester herauskommen, als es hineingeht", hat Angela Merkel vor dem Bundestag und in vielen Interviews erklärt. Bei diesem Ziel soll es bleiben, auch wenn die Regierung in dieser Woche gleich mehrfach schlechte Nachrichten entgegennimmt: Am Montag drängten die Personalchefs der Dax-Unternehmen bei Arbeitsminister Olaf Scholz auf mehr Unterstützung – mit der Begründung, es komme schlimmer als gedacht. Am Mittwoch warnten Unternehmer und Gewerkschafter beim Gespräch mit der Bundeskanzlerin vor absehbaren Härten, und am Donnerstag – nach Redaktionsschluss dieser ZEIT- Ausgabe – legen die wichtigsten Wirtschaftsforscher ihre Prognose für den weiteren Verlauf des Jahres vor. Von einem Minus von fünf Prozent geht inzwischen auch die Regierung aus. Die Krise als Chance? Angela Merkel redet davon, aber niemand weiß, wie realistisch das ist.

Mit Kurzarbeit allein, so viel ist sicher, werden viele Unternehmen schon im Sommer nicht mehr auf ihre Auftragsrückgänge reagieren können. Die Zahl der Arbeitslosen wird von 3,6 Millionen Ende März noch um mehrere Hunderttausend steigen. Hinzu kommen Beschäftigte, die in Transfergesellschaften arbeiten und in der Statistik nicht erscheinen. Gleichwohl halten vor allem Scholz und Merkel am Ziel fest, mit einer Bildungsoffensive für Kurzarbeiter den Wissensstand in den Betrieben zu steigern. Die Deutschen sollen nach der Krise klüger als vorher sein. Die Bundeskanzlerin würde gern alle Belegschaften mit Auftragsproblemen in einen kollektiven Bildungsurlaub schicken.

Allerdings weiß niemand genau, wie viele Arbeitnehmer wie Bertil Burian und Melanie Nitz es gibt. Ende März lagen der Bundesagentur für Arbeit (BA) Anträge für 1,7 Millionen Kurzarbeiter vor. Aber längst nicht alle Firmen, die Kurzarbeit anmelden, reduzieren später auch im bewilligten Ausmaß die Arbeitszeit. Entsprechende Abrechnungen liegen der BA erst mit drei Monaten Verspätung vor. Bisher ist auch unbekannt, wie viele die Ausfallzeiten zur Qualifizierung nutzen. Oft ist es schwierig, Kurzarbeit mit Weiterbildung zu verbinden. Sinnvolle Maßnahmen müssen langfristig vereinbart und geplant werden. Davor schrecken viele Personalabteilungen zurück, der Verlauf der Krise ist schwer vorauszusehen.