Nach dem Mord waren weit mehr als 100.000 Türken gekommen, um zu trauern. "Wir sind alle Armenier", riefen sie – aus Solidarität. Ein gedungener 17-jähriger türkischer Nationalist hatte im Januar 2007 den armenischen Journalisten Hrant Dink vor seiner Redaktion mit zwei Schüssen in den Kopf ermordet. Auf der Straße ist heute davon nichts zu sehen. Keine Gedenkplatte erinnert an Dink, kein Schild weist hin auf seine Zeitung Agos an dem stucküberladenen Haus im Stadtteil Sisli.

Erst in den Redaktionsfluren spricht die Erinnerung. Hrant Dink hängt an allen Wänden, auch in seinem ehemaligen Büro. Dort sitzt heute der Dink-Nachfolger und Chefredakteur Etyen Mahçupyan. Ein Mann mit graumeliertem Bart und Sätzen, die nie schwarzweiß daherkommen. Anfang dieser Woche wurde das Verfahren gegen die nationalistischen Mörder und ihre Hintermänner fortgesetzt. "Der Prozess", sagt Etyen Mahçupyan, "ist der Versuch der Türkei, der Wahrheit ins Auge zu blicken".

Die Türkei entdeckt ein bedrängtes Volk im eigenen Land und totgeschwiegene Nachbarn: die Armenier. Über die Verbrechen, die das Osmanische Reich an ihnen beging, können türkische Intellektuelle heute ungestraft reden. Die türkische Regierung verhandelt mit der armenischen Regierung über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Nach zähen Verhandlungen einigten sich die beiden Staaten heute sogar auf eine Roadmap zur Normalisierung ihrer Beziehungen.

Es sind alte Fronten, die da am Kaukasus aufbrechen. Doch bleibt nicht der Streit um den Völkermord an den Armeniern 1915, dem am 24. April gedacht wird? Die armenische Diaspora im Westen pocht weiter auf die Anerkennung des Genozids durch die Türken. Noch immer leugnet der türkische Staat das Verbrechen. Doch eine neue Generation von Armeniern, Türken und einigen mutigen Politikern will das ändern.

Der Fußball brachte die verfeindeten Länder zusammen

Amerikas Präsident Obama gab den Ton an, als er Anfang April in der Türkei das Wort Genozid geschickt umschiffte. Dann ermunterte er Türken und Armenier, diplomatische Beziehungen aufzunehmen. "Wenn der US-Präsident das Wort benutzt hätte", sagt der armenische Chefredakteur Mahçupyan, "hätten in der Türkei die Nationalisten triumphiert, jedes Zugeständnis an Armenien wäre eine Niederlage gewesen". So aber reiste der türkische Außenminister in die armenische Hauptstadt Jerewan, um die Sache voranzutreiben.

Verhandelt wird über die Öffnung der seit 16 Jahren abgeriegelten Grenze. Stillgelegte Straßen und Bahnstrecken sollen belebt werden. Jerewan soll nach dem Wunsch der Türkei die Grenzlinie anerkennen und auf Träume von "Westarmenien" verzichten. Gesprochen wird auch über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und die Einrichtung einer Kommission beider Regierungen, die die gemeinsame Geschichte, die Völkermordfrage, aufarbeiten soll.